Sunflower Lanyard
© Inez Maus 2014–2026
Die Sonnenblume möchte dich begrüßen,
dieweil sie sich so gern zur Sonne wendet.
J. W. von Goethe
Vor Kurzem besuchte ich mit einer Freundin eine Van-Gogh-Ausstellung. Die meisten Menschen denken an
Sonnenblumen und die selbst zugefügte Verstümmelung des Ohres, wenn sie den Namen des Malers Vincent van Gogh
hören. Natürlich befanden sich auch in der von uns besuchten Ausstellung Kunstdrucke vieler Sonnenblumen van
Goghs, denn er zeichnete ab dem Sommer 1888 eine Serie von sieben Gemälden mit drei, fünf, zwölf und fünfzehn
Sonnenblumen – innerhalb eines halben Jahres.
Beim Anblick der Sonnenblumen fragte mich meine Freundin, ob ich „so ein Schild zum Umhängen mit Sonnenblumen
drauf“ kennen würde. Sie ergänzte, dass sie bei ihrer letzten Reise einen „Stand“ im BER gesehen habe, wo dieses
Schild zum Umhängen gerade an zwei Personen ausgegeben wurde.
Bei dem beobachteten „Schild zum Umhängen“ handelt es sich um das Sunflower Lanyard (Sunflower-Umhängeband,
Sonnenblumen-Umhängeband), welches dazu dienen soll, dass Menschen mit nicht sichtbaren Einschränkungen durch
das Tragen des Bandes darauf aufmerksam machen, dass sie auf bestimmten Gebieten Probleme haben können (oder
bekommen können). Zu den nicht sichtbaren Einschränkungen, deren Anzahl von Experten mit circa 900 angegeben
wird, zählen zum Beispiel chronische Erkrankungen, psychische Belastungen oder neurologische Einschränkungen. Auf
dem Sunflower Lanyard befinden sich – wie der Name schon verrät – mehrere unterschiedlich große Sonnenblumen auf
grünem Untergrund und der Schriftzug „Hidden Disabilities“. Einige Flughäfen wie der BER – er war der erste deutsche
Flughafen, der an der Sunflower-Initiative teilnimmt – ersetzen den Schriftzug durch ihren Namen.
Das Tragen des Sunflower Lanyards ist freiwillig. Es soll umstehenden Personen signalisieren, dass die Person, die das
Band trägt, eventuell mehr Zeit, die genauere Erklärung eines Sachverhaltes, eine reizgeminderte Umgebung oder
Unterstützung bei bestimmten Tätigkeiten benötigt. Das Tragen des Bandes zeigt entsprechend geschultem Personal
(beispielsweise Beschäftigten an teilnehmenden Flughäfen) an, dass die tragende Person offen dafür ist, gefragt zu
werden, welche Unterstützung benötigt wird. Um das Sunflower Lanyard zu erwerben, muss kein Bescheid über
Einschränkungen vorgelegt werden. Das Band kann auch vorrübergehend wieder abgenommen werden, beispielsweise
wenn sich die Beeinträchtigungen situationsbedingt bemerkbar machen.
Teilnehmende Flughäfen geben das Sunflower Lanyard kostenlos ab, ebenso mehrere Reisezentren der SBB
(Schweizerische Bundesbahnen) und der FASD Deutschland e. V. Wer es im Internet erwerben möchte, bezahlt dafür
bis zu 20 €. Rechtliche oder finanzielle Vorteile sind mit dem Tragen des Sunflower Lanyards nicht verbunden.
Das Sunflower Lanyard wurde von der 2016 gegründeten Initiative "Hidden Disabilities Sunflower Project" – bestehend
aus Beschäftigten des Flughafens London-Gatwick sowie Mitarbeitern nationaler und lokaler britischer
Wohltätigkeitsorganisationen – entwickelt. Zehn Jahre später beteiligen sich weltweit mehr als 300 Flughäfen, aber auch
Bahn- und Busunternehmen sowie kulturelle Einrichtungen (Freizeitparks, Theater, Sportvereine) an diesem globalen
Netzwerk. Das klingt erst einmal viel und ist mit Sicherheit ein großer Erfolg.
Die große Herausforderung besteht derzeit aber noch darin, dieses Projekt viel bekannter zu machen, denn die Wirkung
entfaltet sich nur mit dem Wissen der umgebenden Personen. Firmen, Organisationen, Einrichtungen, die das Sunflower
Lanyard anbieten, schulen auch ihre Mitarbeiter. In der breiten Bevölkerung ist es aber noch nahezu unbekannt und
nicht jeder ist so eine aufmerksame Reisende, wie meine Freundin. Selbst unter Fachpersonen im Bereich Autismus ist
das Sunflower Lanyard nahezu unbekannt. In meinen Fortbildungen frage ich die Teilnehmenden regelmäßig danach
und ich habe bisher noch niemanden getroffen, der es kannte.
In zwei Tagen wird der Welt-Autismus-Tag begangen. Der Welt-Autismus-Tag dient dazu, über Autismus aufzuklären und
auf die Bedürfnisse autistischer Menschen hinzuweisen. Seit dem Jahr 2008 fanden vielfältige, über die Jahre
zahlenmäßig zunehmende Aktionen anlässlich des Welt-Autismus-Tages statt, der Ende 2007 von den Vereinten
Nationen eingeführt wurde. Aber dieser eine Tag im Jahr ist nicht ausreichend, um das Bewusstsein der Bevölkerung für
nicht sichtbare Behinderungen wie Autismus im Allgemeinen und Initiativen wie das Sunflower Lanyard im Besonderen
zu schärfen. Nur wenn möglichst viele Menschen ausreichend für dieses Thema sensibilisiert sind und sich zum Handeln
befähigt fühlen, wird sich daraus ein respektvoller(er) und angemessen unterstützender Umgang mit Menschen mit nicht
sichtbaren Beeinträchtigungen ergeben.
Ich hoffe, dass mein heutiger Artikel dazu einen kleinen Beitrag leistet. Wenn auch Sie, liebe Leserinnen und Leser,
dabei helfen möchten, das Sunflower Lanyard bekannter zu machen, dann teilen Sie gern den Link zu diesem Artikel.
Zum Weiterlesen: Heute ist Autismus-Sonntag