Waldbaden – ein reizarmes soziales Event
© Inez Maus 2014–2026
Vor zwei Wochen besuchte ich einen Waldbaden-Kurs. Meine Intentionen, einen solchen Kurs zu besuchen, waren
einerseits reine Neugier und andererseits die Frage, ob solche Angebote für autistische Menschen geeignet sind.
Nachdem ich den Kurs absolviert hatte, tauschte ich mich mit einigen, mir persönlich bekannten autistischen Menschen
über meine Erlebnisse aus. Sofort wurde mir die Frage gestellt: „Warum heißt das eigentlich Waldbaden?“ Meine
Erklärung, die auch hier gleich folgt, fasste der Fragende dann mit der Bemerkung „Ah, eine Metapher!“ zusammen.
Der Begriff Waldbaden wird für einen achtsamen Aufenthalt im Wald verwendet. Ursprünglich kommen der Begriff und
die Methode aus Japan. Das im Japanischen als Shinrin Yoku bekannte Waldbaden ist dort als Gesundheitsvorsorge
anerkannt.
Waldbaden bedeutet nicht, dass man – wie einer meiner Gesprächspartner mutmaßte – sich einen See im Wald sucht,
in dem man baden kann. Schließlich badet man ja beim Eisbaden zwar nicht im Eis, aber immerhin in einem Eisloch
eines zugefrorenen Sees. Waldbaden bedeutet, dass man den Wald bewusst erlebt, mit allen Sinnen in die
Waldatmosphäre eintaucht. Im Prinzip kann man Waldbaden allein praktizieren, wenn man sich mit den Regeln vertraut
gemacht hat. Da es aber vielen Menschen mit Anleitung in einer Gruppe leichter fällt, Regeln zu beachten und
bestimmte Übungen auszuführen, gibt es vielfältige professionelle Angebote zum Waldbaden. Neben ausgebildeten
Kursleitern für Waldbaden und Achtsamkeit in der Natur existieren dazu passend auch zertifizierte Heil- und Kurwälder,
die bestimmte Standards erfüllen müssen. Sollte ein solcher Wald nicht in der Nähe sein, kann man natürlich auch in
jedem weniger passenden Wald sein Waldbaden absolvieren.
Der positive Effekt für die Gesundheit besteht beim Waldbaden darin, dass Stress abgebaut wird, dass das
Nervensystem die Chance zum Beruhigen bekommt, dass das Immunsystem beispielsweise durch Terpene
(Pflanzenstoffe) in der Waldluft gestärkt wird und dass sich das psychische Wohlbefinden verbessert.
Beim Waldbaden sollte man bedächtig gehen, also schlendern, kein Handy benutzen, nicht reden. Regelmäßiges
Innehalten dient dem Erleben des Waldes mit allen Sinnen. Bei Kursen zum Waldbaden werden die Phasen des
Innehaltens in der Regel mit kleinen Aufgaben angeleitet – gegebenenfalls Erkenntnisse mithilfe von Notizen oder
Zeichnungen festgehalten – und mit einem Austausch über das Wahrgenommene beendet. Kein Handy benutzen zu
dürfen, bedeutet nicht nur, keine Fotos zu machen (denn das würde das bewusste Wahrnehmen stören), es bedeutet
auch, die Uhrzeit nicht zu wissen, wenn man keine Armbanduhr trägt. Diese fehlende zeitliche Struktur wird von
autistischen Menschen oft als belastend empfunden, da sie häufig Schwierigkeiten mit dem Zeitempfinden haben – und
somit die fehlende Uhrzeit nicht als entspannend, sondern als Stressfaktor erlebt wird.
Eine Aufgabe zur Achtsamkeit kann zum Beispiel in der Aufforderung bestehen, vier verschiedene Grüntöne ganz
bewusst wahrzunehmen. Als ich dies meinem autistischen Sohn erzählte, sagte er zu mir: „Ich wäre froh, wenn es mir
mal gelingen würde, nur vier verschiedene Grüntöne wahrzunehmen anstatt zehn oder zwanzig.“ Sicherlich trifft dies auf
viele autistische Menschen zu und beschränkt sich wohl nicht auf die visuelle Wahrnehmung.
Der Aspekt des achtsamen Wahrnehmens der Umgebung beim Waldbaden ist daher wohl für autistische Menschen
weniger relevant, da sie all die Dinge, die nicht-autistische Menschen bei solchen Achtsamkeitsübungen wahrnehmen,
ständig im Überfluss erleben und verarbeiten müssen.
Nichtsdestotrotz stellt aber ein Wald auch für autistische Menschen einen reizarmen Ort dar. Ein Kurs zum Waldbaden
kann für sie bedeuten, dass sie dadurch mit anderen Menschen den Wald erleben können und sie gleichzeitig die
Sicherheit haben, dass die sozialen Interaktionen strukturiert, angeleitet und überschaubar sind. Im besten Fall führt die
Teilnahme autistischer Menschen an solch einem Kurs dazu, dass die anderen Personen etwas über deren besondere
Wahrnehmung lernen.
Waldbaden-Kurse sind also für autistische Menschen geeignet, wenn sie nicht mit falschen, das heißt, nicht mit den
Erwartungen nicht-autistischer Menschen an die Sache herangehen und wenn sie wissen, was sie in einem derartigen
Kurs erwartet. Solche Kurse können auch als reizarmes soziales Event fungieren, um mit Personen, die ähnliche
Interessen haben, behutsam in Kontakt zu treten.