Signale über Liebe
© Inez Maus 2014–2026
Oft wird die Frage gestellt: „Autismus und Beziehung, ist das nicht ein Widerspruch?“ Die Frage ist jedoch falsch
formuliert, denn alle autistischen Menschen haben natürlich Beziehungen. Sie haben auf jeden Fall die Beziehungen, die
sie nicht frei wählen können. Dies sind beispielsweise Beziehungen zu den Eltern, Großeltern und Geschwistern.
Personen, die solch eine Frage stellen, beziehen sich dabei in der Regel auf frei wählbare Beziehungen, denn aufgrund
der Schwierigkeiten im kommunikativen und sozialen Bereich haben autistische Menschen einige Hürden zu
überwinden, wenn sie frei wählbare Beziehungen eingehen wollen.
Frei wählbare Beziehungen umfassen nicht nur Freundschaften, sondern auch Liebesbeziehungen. Beides ist für
autistische Menschen nicht unmöglich.
Für mein Buch „Familienbande bei Autismus“ interviewte ich autistische Erwachsene zu vielfältigen Aspekten familiärer
Beziehungen. Dabei äußerten sich auch einige Interviewte zu ihren Liebesbeziehungen, zu Sehnsüchten und auch zu
Wünschen, die sich erfüllt haben. Zwei von ihnen möchte ich hier kurz zu Wort kommen lassen.
Susanne, eine Frau mit dem sogenannten Asperger-Syndrom, schildert ihre Erfahrungen mit Männern folgendermaßen:
„Sie (die Eltern) haben mich geliebt und immer zu mir gestanden. Sie haben mir auch in schwierigen Situationen
geholfen. Zum Beispiel half mir meine Mutter mal in einer Zeit mit einer schwierigen zwischenmenschlichen Beziehung
zu einem Bekannten so, dass ich mich besser abgrenzen konnte und diese Beziehung später selbst beendet habe (der
Bekannte war zu vereinnahmend, und es wurde nicht einmal Freundschaft daraus, Liebe schon gar nicht). Ich konnte
über alles reden. Später hatte ich eine ähnliche Situation mit einem Arbeitskollegen, der in den Pausen und auch bei der
Arbeit über Dinge geredet hatte, die mir nicht gefielen. Das war auch sehr anstrengend, und auch darüber konnte ich mit
meiner Mutter reden.“ (Maus & Ihrig, 2024, S. 163)
Lars, ein mit dem Asperger-Syndrom diagnostizierter Mann, beschreibt seine Liebesbeziehungen sehr ehrlich: „In der
Zeit meiner Scheidung hatte ich dabei insgesamt ein äußerst gestörtes Wahrnehmungsbild, was Familie,
gesellschaftliche Bindungen, Schuldgefühle, aber auch meine Wahrnehmung insgesamt im
Zusammengehörigkeitsgefühl anging. Ich ließ vieles nicht an mich herankommen […]. Ich wollte, um mich zu beweisen,
häufig wechselnde sexuelle Liebesbeziehungen, teilweise sogar parallel, nur um diesem Zusammengehörigkeitsgefühl
zu entfliehen. Trotzdem war die Zusammengehörigkeit in dieser Zeit zu meinen Eltern äußerst eng gestaltet […]. Als wir
dann im März 2018 meine Kinder vom Familiengericht zugesprochen bekamen, waren wir als Familie äußerst eng
zusammengerückt […]. Als ich im Oktober 2018 meine jetzige Lebensgefährtin kennenlernte, wurde dieses Gefühl
komplett […]“. (Maus & Ihrig, 2024, S. 133)
Susanne und Lars hätten vermutlich erheblich profitiert von einem Film über die (erste) Liebe autistischer Menschen,
wenn es solch einen Film vor zwanzig Jahren schon gegeben hätte.
*****
Mit dem Thema Liebe setzt sich auch der autistische Filmemacher Louis Bennies auseinander. Er kommt aus Hamburg
und beschäftigt sich in seinen Projekten intensiv mit der Darstellung der Lebensrealität von Menschen im Autismus-
Spektrum. 2021 realisierte er den Kurzfilm „Signale“, der sich mit der Gefühlswelt und den Herausforderungen eines
jungen Mannes mit Asperger-Autismus und seiner ersten Liebe auseinandersetzt. Der 24-minütige Film hat mich sehr
berührt, unter anderem, weil ich einige der mir bekannten autistischen Menschen dort wiedererkannt habe und ihre
Gefühle, Wünsche, Schwierigkeiten … einfühlsam dargestellt sind, aber auch, weil er den nicht-autistischen Menschen
hilfreiche Informationen liefert. Der Film „Signale“ kann auf YouTube angesehen werden. Auch die reichlichen und
positiven Kommentare weisen darauf hin, dass dies ein gelungener und hilfreicher Film ist.
Aktuell arbeitet Louis Bennies gemeinsam mit seinem Team an einer Spielfilmversion von „Signale“. Dazu schreibt er:
„Ziel ist es, ein authentisches und sensibles Bild von Autismus zu vermitteln und mehr Verständnis sowie Sichtbarkeit zu
schaffen.“
Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser meines Blogs, dieses Ziel unterstützen möchten, dann können Sie dies mit einer
Spende tun. Ich habe bereits gespendet und freue mich auf den fertigen Film.
Den Spendenaufruf mit weiteren Infos zum Film finden Sie hier:
Donate to Signals (Feature-Film about autism), organized by Louis Bennies
*****
Quelle der Zitate: Maus, I. & Ihrig, J. B. (2024). Familienbande bei Autismus. Wie Zusammenleben gelingen kann.
Stuttgart: Kohlhammer.