Wie alles begann
© Inez Maus 2014–2026
In den vergangenen Wochen wurde ich des Öfteren darauf angesprochen, wie es eigentlich dazu kam, dass ich Vorträge
und Lesungen halte oder Fortbildungen durchführe. Die Antwort ist einfach: Ich wurde gefragt.
Meine erste Lesung hielt ich unmittelbar nach dem Erscheinen meines ersten Buches. Organisiert wurde sie von einer
pensionierten Organistin, die beruflich und auch privat mit dem Thema Autismus zu tun hatte. Dazu lud diese
ambitionierte Frau Interessierte in ihre Villa ein. Sie bereitete recht aufwändig Essen und Getränke vor und sorgte dafür,
dass zwischen meinen gelesenen Episoden Klaviermusik mit Begleitung einer Geige erklang. Ich saß, während ich aus
meinem Buch las, auf einem mondänen Sofa und die Ahnen der Gastgeberin blickten von der Wand hinter mir auf mich
herab.
Mein erster Vortrag beschäftigte sich mit dem Thema Inklusion und fand in den Räumen einer Beratungsstelle statt. Da
aber der entsprechende Raum nach der ungefähren Hälfte meiner Ausführungen geräumt werden musste, weil der
Veranstalter einen falschen Zeitraum gebucht hatte, wurde kurzerhand beschlossen, in eine nahegelegene Gaststätte
umzuziehen, wo das gesamte Publikum tatsächlich noch an einigen zusammengeschobenen Tischen Platz fand.
Inzwischen decken meine Veranstaltungen sehr viele Aspekte, die mit dem Thema Autismus in Zusammenhang stehen,
ab, aber auch übergeordnete Themen finden ihren Platz. Eines dieser übergeordneten Themen ist die „Euthanasie“
behinderter Kinder von 1939 bis 1945. Der erste Vortrag zu diesem Thema fand im Festsaal des Schlosses Meyenburg
statt. Die Schönheit des Veranstaltungsortes bildete einen starken Gegensatz zum Inhalt meines Vortrags über die
systematische Tötung von behinderten Kindern als Teil der sogenannten nationalsozialistischen „Rassenhygiene“, der
einen Bogen spannte von der Herkunft des Wortes „Euthanasie“ über die Vorgeschichte, das Meldeverfahren, die
Tötungsmethoden, die beteiligten Personen, den Widerstand sowie die Opferzahlen bis zu der Strafverfolgung der Täter
und dem Gedenken an die Opfer. Bei der Konfrontation mit den historischen Fakten zu diesem Thema kämpften nicht
wenige Zuhörer mit den Tränen, dabei die Tatsache vor Augen habend, dass die von ihnen begleiteten Kinder, hätten sie
zur damaligen Zeit gelebt, ebenfalls der „Euthanasie“ zum Opfer gefallen wären.
In meinem allerersten Vortrag beschäftigte ich mich neben der Geschichte der Inklusion auch mit verschiedenen Arten,
auf Menschen mit einer Behinderung zu blicken. Da dies heute genauso aktuell ist wie vor knapp fünfzehn Jahren,
möchte ich es hier in einer gekürzten Form wiedergeben. Blicke auf Menschen mit Einschränkungen jeglicher Art können
exkludierend oder inkludierend sein (Lob-Hüdepohl, 2011).
Exkludierende Blicke auf Menschen mit einer Behinderung lassen sich in vier Gruppen unterteilen:
•
Der dämonisierende Blick beschränkt sich auf das Irritierende und Andersartige, welches als befremdlich
wahrgenommen wird. Er äußert sich in Formulierungen wie Schicksal, Schuldhaftigkeit, Sünde.
•
Der medizinierende Blick entzauberte geschichtlich betrachtet den dämonisierenden Blick, indem die tatsächlichen
Ursachen von Behinderungen mit naturwissenschaftlicher Präzision aufgedeckt werden. Diesem Aufdecken folgt ein
Streben nach hilfreichen Therapien.
•
Der genetisierende Blick beschäftigt sich mit der Vererbung von Krankheiten und daraus resultierenden
Behinderungen. Hier wird oft bereits das erblich bedingte Risiko als pathologischer Tatbestand bewertet; der in der
letzten Konsequenz zur Beseitigung des Trägers durch einen Schwangerschaftsabbruch führt.
•
Der pathologisierende Blick betrachtet jede nicht störungsfreie Lebensführung als krankhafte
Abweichung.
Inkludierende Blicke auf Menschen mit einer Behinderung können folgendermaßen aussehen:
•
De (re)habilitierende Blick gibt im eigentlichen Sinne des Wortes den betroffenen Menschen ihre Würde zurück.
Diese Art der Betrachtung bedeutet, dass jeder Mensch die gleichen Rechte auf ein selbstbestimmtes Leben hat.
•
Der achtsam-differenzierende Blick betrachtet Menschen nicht als gleich hinsichtlich ihrer Gleichartigkeit, sondern
hinsichtlich ihrer Gleichwertigkeit – eine Gleichwertigkeit unterschiedlicher Potentiale.
•
Der behutsam-wegfördernde Blick achtet und respektiert das Anderssein. Nur wenn es für den anderen sinnvoll ist,
wird gefördert. Ein guter Wegweiser steht am Rande eines Weges und nicht im Weg!
„Sobald entschieden ist, dass etwas gemacht werden kann und soll, werden wir auch einen Weg dazu finden.“ Diese
Aussage stammt von Abraham Lincoln. Es ist schon lange entschieden, dass Inklusion „gemacht werden kann und soll“.
Ein inkludierender Blick jedes Einzelnen ist schon ein guter Schritt in die richtige Richtung.