Ein Tag im Erlebnispark
© Inez Maus 2014–2026
In vielen Bundesländern sind die Sommerferien schon beendet, in einigen dauern sie noch bis Mitte September an.
Bereits im Oktober stehen die nächsten Ferien vor der sprichwörtlichen Tür.
Immer wieder bestätigen mir Zuschriften, dass die Urlaubszeit für autistische Kinder meist nicht die langersehnte und
zugleich schönste Zeit des Jahres ist, denn Urlaub bedeutet in der Regel massive Veränderungen, besonders dann,
wenn der Urlaub mit einer Reise oder verschiedenen Aktivitäten verbunden ist.
In früheren Beiträgen habe ich bereits Tipps für einen Strandbesuch, einen Museumsbesuch und eine Flugreise mit
einem autistischen Kind gegeben. Häufig besteht in Familien auch der Wunsch, einen Erlebnis-, Themen- oder
Freizeitpark zu besuchen. Autistische Kinder sind dem nicht generell abgeneigt, weil besonders Fahrgeschäfte, die eine
gewisse Geschwindigkeit aufweisen, als angenehm empfunden werden. Die Beschleunigungskräfte führen durch
Stimulation der propriozeptiven Wahrnehmung (Tiefensensibilität) dazu, dass der Körper (oder bestimmte Muskelpartien)
besser wahrgenommen werden kann und Umgebungsreize durch das Rauschen des Fahrtwindes oft nicht mehr als
störend oder sehr belastend empfunden werden. Interesse kann auch daher rühren, dass die Themen eines
Erlebnisparks den Spezialinteressen dieser Kinder entsprechen.
Allerdings wird nahezu alles andere in solch einem Park von autistischen Menschen als störend und belastend
wahrgenommen, wie beispielsweise:
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der durch Besucher verursachte Lärm,
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verschiedenste Gerüche von Essen, Deodorants, Sonnencreme, vollen Windeln …,
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dichtes Gedränge in Warteschlangen,
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durch Musik und Ansagen verursachte laute Geräusche,
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bunte Geländepläne, die das Finden der relevanten Informationen erschweren,
•
fehlende Rückzugsmöglichkeiten.
Generell ist festzustellen, dass in den vergangenen Jahren in Freizeitparks recht viel getan wurde, um diese inklusiver zu
gestalten. Diese Maßnahmen beinhalten meist einen ermäßigten Eintritt für Menschen mit Behinderung, freien Eintritt für
eine amtlich ausgewiesene Begleitperson und ein barrierefreies Gelände einschließlich des Zugangs zu Restaurants und
Geschäften. Weitere Maßnahmen unterscheiden sich sehr stark in Abhängigkeit vom jeweiligen Betreiber.
Alle meine Kinder, auch mein autistischer Sohn Benjamin, liebten in ihrer Kindheit Freizeitparks. Da vor einigen Jahren
inklusive Maßnahmen in Freizeitparks (fast) noch kein Thema waren, wählten wir immer Zeiten in der Vorsaison für
einen solchen Besuch, um dadurch zumindest einem weniger hohen Besucheraufkommen ausgesetzt zu sein. Nebenbei
bescherte uns dies einmal den Anblick des komplett eingeschneiten LEGOLAND
®
-Parks in Billund (Dänemark).
Ein Auszug aus meiner Schilderung dieses Besuchs zeigt bereits, welche Schwierigkeiten auftreten können, aber auch,
welche Möglichkeiten Eltern haben, diesen Problemen vorzubeugen:
Da Conrad [der ältere Bruder] vor ein paar Jahren schon einmal mit mir den Park erkundet hatte, konnten wir Benjamin
die Auswahl der Aktivitäten überlassen. Wie nicht anders zu erwarten war, ließ er kein Fahrgeschäft aus und musste
alles in unzähliger Wiederholung ausprobieren, wofür er vier Aufenthaltstage Zeit hatte. Mittags ernährte er sich
ausschließlich von frisch gebackenen Waffeln. Beim spannenden Goldwaschen, wo experimentierfreudige Kinder in der
Westernstadt in einer nachgebauten Goldwaschanlage kleine Pyrit-Stückchen, also sogenanntes Katzengold, mittels
flacher Schalen aus einem hölzernen Flussbett waschen müssen, zeigte sich deutlich Benjamins visuelle Überlegenheit.
Wir konnten gar nicht so schnell gucken, wie er die winzigen Goldstückchen aus dem feuchten Sand pickte. Das erregte
sofort die Aufmerksamkeit und wohl auch den Neid der anderen Kinder, welche sich daraufhin dicht um unseren Sohn
drängten, weil sie wahrscheinlich hofften, hinter sein Geheimnis zu kommen oder aber in seiner Nähe mehr Schätze zu
finden. Benjamin war so fieberhaft mit seiner Tätigkeit beschäftigt, dass er scheinbar nichts davon mitbekam. In
kürzester Zeit hatte er genug Goldstücke erbeutet, um dann die begehrte LEGOLAND
®
-Münze daraus pressen zu
können. (Maus, 2014)
Eltern und Verwandte können einiges tun, um einen Besuch in einem Freizeit- oder Erlebnispark vorzubereiten.
Dazu zählt beispielsweise:
•
Autistischen Kindern gibt es Sicherheit, wenn sie möglichst viele, aber gut strukturierte und sinnvoll portionierte
Informationen im Vorfeld des geplanten Besuchs erhalten. Hierzu geben die Internetseiten der Betreiber reichlich
Auskünfte.
•
Die Wahl eines Besuchszeitpunktes, der außerhalb der hoch frequentierten Zeiten liegt, führt zu weniger
sensorischer Belastung durch Geräusche, Gerüche oder Körperkontakte.
•
Das Mitführen von Beruhigungs- oder Beschäftigungsmaterial für das autistische Kind kann dabei helfen,
Wartezeiten zu überbrücken oder aufkommenden Stress zu managen.
•
Viele autistische Kinder lieben es, Pommes frites oder frisch gebackene Waffeln zu verspeisen. Daher gibt es betreffs
der Ernährung selten Schwierigkeiten bei einem solchen Besuch (abgesehen von Warteschlangen).
•
Ein Rückzugsort zum Erholen kann über Gelingen oder Scheitern der Aktion entscheiden. Daher ist es wichtig, vor
dem Besuch des Erlebnis- oder Freizeitparks passende Orte ausfindig zu machen. Gegebenenfalls ist es hilfreich,
den Betreiber zu dieser Frage zu kontaktieren.
Auch aufseiten der Veranstalter gibt es einige Dinge, die einen Familienbesuch in einem Freizeitpark zumindest dichter
an die Möglichkeit der Durchführbarkeit rücken lassen. Dazu gehören im Wesentlichen Ruhebereiche, sogenannte Fast
Lanes und eine Sensibilisierung der Mitarbeitenden für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.
Ruhebereiche sind bisher selten in Freizeitparks zu finden. Der Europa-Park empfiehlt Gästen mit einer Behinderung
oder Einschränkung, die ein Ruhebedürfnis haben, einen Aufenthalt in ihrem Historischen Schlosspark Balthasar. Der
Europa-Park führte bereits einige autismus-freundliche Tage als Event von autismus deutsche schweiz durch.
Fast Lanes sind spezielle Zugänge, die den Besuch von Fahrgeschäften ohne Anstehen ermöglichen. LEGOLAND
®
-
Parks haben hierfür das „Nimm-Rücksicht-Armband“ eingeführt, welches gegen Vorlage eines Nachweises schnelleren
Zugang zu ausgewählten Fahrgeschäften mit maximal fünf weiteren Personen ermöglicht. Im Heide Park in Soltau heißt
das Pendant hierzu „Schwer-in-Ordnung Pass“. Dieser Pass ermöglicht sechs Fahrten ohne Wartezeit mit maximal einer
Begleitperson. Im Movie Park Germany gibt es gratis für Menschen mit Behinderung (und bestimmten Merkzeichen),
aber auch für autistische Gäste, die einen Nachweis erbringen müssen, den „Special Pass“. Der Special Pass ermöglicht
es autistischen Personen und ihrer Familie, sich digital anzustellen. Die Wartezeit kann somit an einem ruhigeren Ort
verbracht werden.
Eine Sensibilisierung und Schulung der Mitarbeitenden kann beispielsweise darin bestehen, dass das Sunflower Lanyard
eingeführt wird. Ein Beispiel hierfür ist der Heide Park in Soltau. Das Sonnenblumenband soll ermöglichen, dass sich
sowohl das Personal als auch die Besucher darauf einstellen, dass Personen, die dieses Band tragen, während ihres
Aufenthalts möglicherweise Unterstützung, mehr Zeit sowie Verständnis und Geduld der anderen Besucher benötigen.
Hier bedarf es einer bedeutend größeren Bekanntheit des Sonnenblumenbandes, um mehr von den Besuchern
ausgehende Inklusivität zu erreichen.
Die Maßnahmen, um Freizeit- und Erlebnisparks inklusiver zu gestalten sind also recht verschieden – auch in Hinsicht
auf unterschiedliche Arten von Behinderungen oder Einschränkungen. Es ist auf jeden Fall sinnvoll, vor einem
entsprechenden Besuch die Website des Betreibers nach diesbezüglichen Informationen zu durchforsten.
Robert Dahl, der Gründer von Karls, hat zu Beginn des Jahres eine Stiftung namens „KARLS für alle – Die Robert Dahl
Stiftung für Inklusion“ ins Leben gerufen. Diese in den Medien verbreitete Ankündigung sorgte dafür, dass ich von
Familien des Öfteren gefragt wurde, ob dabei auch an autistische Menschen gedacht wurde oder wird. Ziel der Stiftung
ist es: „Die Karls Erlebnis-Dörfer sollen zum integrativsten Freizeitpark-Angebot überhaupt werden!“ (karls.de/ueber-
karls/robert-dahl-stiftung, 28.08.2026). Um mir selbst ein Bild von Maßnahmen, die autistischen Kindern und deren
Familie einen ereignisreichen und schönen Tag in einem solchen Erlebnispark ermöglichen können, zu machen, habe
ich mit einer Freundin vor einigen Tagen Karls Erlebnis-Dorf Elstal bei Berlin besucht.
Darüber werde ich in meinem nächsten Blogbeitrag berichten.
* Quelle des Zitates: Maus, I. (2014). Anguckallergie und Assoziationskettenrasseln. Mit Autismus durch die Schulzeit.
Leipzig: Engelsdorfer.