Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 29. Oktober 2017
Alle haben Träume. Das sind einerseits die Erlebnisse, die uns des Nachts in unterschiedlicher Form ereilen, und das sind andererseits die Pläne, die wir für unser Leben schmieden, und die Wünsche, auf deren Erfüllung wir hoffen. Wir träumen von einem verständnisvollen Partner, von der ewigen Liebe, vielleicht von einer traumhaften Hochzeit und dann von zauberhaften Kindern. Alles ist auf Perfektion ausgelegt, alles soll für die Ewigkeit sein. Mit dieser Einstellung wird ein Teil der Träume nicht erfüllbar, wird zum ewigen Traum verdammt. Viele unserer Träume werden realisierbar, wenn sie weniger mit Ansprüchen belastet sind. Wenn eine liebevolle Beziehung in dem Moment, in dem sie funktioniert, als gelungen betrachtet wird und jeder weitere glückliche Tag, jedes weitere glückliche Jahr als Fortführung dieses Gelingens, ohne den Anspruch auf Unendlichkeit, empfunden wird, dann würde es mit Sicherheit mehr gelungene Beziehungen geben. Wenn Familien sich von dem Anspruch der richtigen Familie lösen und Patchwork-Familien oder andere Formen des Zusammenlebens als gleichwertige, ebenso einen Anspruch auf familiäres Glück habende Gemeinschaften verstanden werden, gäbe es mehr glückliche Familien. Und wenn Eltern ein Kind unbefangen annehmen, wenn ein Kind beispielsweise nicht das falsche Geschlecht haben kann, dann wird es mehr Kinder geben, die selbstbewusst ihren Weg gehen. In diesen Fällen lässt sich das Zerbrechen von Träumen aufhalten. Träume werden wahr, vielleicht nicht für immer und nicht in unbegrenzten Dimensionen, aber ein Traum kann ebenso mehrmals in verschiedenen oder abgewandelten Formen zur Realität werden. Es gibt jedoch auch Träume, deren Zerbrechen nicht verhindert werden kann – Träume, die durch das, was allgemein als Schicksal bezeichnet wird, keine Chance bekommen, zur Realität zu werden. Mein persönlicher Traumbrecher war die Geburt meines zweiten Kindes. Nein, eigentlich nicht die Geburt, denn dem äußeren Anschein nach vermittelte mein Sohn das Bild eines typischen Babys. Mein Traum, in den naturwissenschaftlichen Forschungsalltag zurückzukehren, zerbröselte in den folgenden Monaten und Jahren. Er wurde ersetzt durch viele Träume von Dingen, die ich bis dahin als selbstverständlich wahrgenommen hatte: Ich träumte und wünschte, dass mein Kind lernt, selbstständig zu essen, sich allein an- und auszuziehen, zu sprechen … Ich hoffte jeden Tag, dass ich im Supermarkt oder auf dem Spielplatz einmal nicht belehrt oder beschimpft werde. Ich weiß jetzt, wie sich Verzweiflung anfühlt, wie süß winzig kleine Erfolge schmecken, was alles nicht selbstverständlich ist. Ich weiß auch, dass Träume in Erfüllung gehen können. Oft wurde ich gefragt, ob ich mir nicht ein anderes Kind wünsche oder warum ich mein besonderes Kind denn überhaupt liebe. Warum liebe ich mein besonderes Kind? Ich liebe es nicht, weil es hübsch lächelt, denn es lächelte mich nicht an. Ich liebe es nicht, weil es freudig auf mich zugelaufen kommt, denn es lief mir nicht entgegen. Und ich liebe es nicht, weil es entzückend „Mama“ plappert, denn es redete mich nicht an. Wo kommt diese tiefe, mitunter auch von Verzweiflung gespeiste Liebe also her? Liebe ist ein Geben und Nehmen, ohne diese Dinge gegeneinander aufzurechnen. Eine Mutter streichelt ihr Baby und lächelt, worauf dieses freudig gluckst und ihr die Ärmchen entgegenreckt. Wie funktioniert aber Liebe, wenn das Gegebene scheinbar nicht entgegengenommen wird? Wenn von der empfangenden Seite gefühlt nichts zurückkommt? Oder wenn das Zurückkommende so zart, winzig, zerbrechlich oder anders ist, dass dessen Deutung als Liebe schwerfällt? Neben meiner Liebe existierte ein weiteres starkes, über eine geraume Zeit unbewusstes Gefühl: Die innere Gewissheit, dass meine Liebe entgegengenommen wird, auch wenn ich dies an äußeren Zeichen lange nicht festzumachen vermochte. Mein besonderes Kind forderte viele Jahre durch Nichtfordern Liebe auf eine andere Art. Eine Art, die rückblickend meinen nicht-autistischen Kindern sehr zugute kam.
Traumbrecher
© Inez Maus 2014–2020
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