Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 11. Juli 2018
Unser Sohn war nach einigem Zureden damit einverstanden, dass er sich tagsüber in der Wohnung mit den ausgelagerten Möbeln aufhalten sollte, da er jederzeit herunterkommen konnte, um sich in unserer Wohnung umzusehen, und auch die Nächte in seinem, wenn auch fast leer geräumten Zimmer verbringen würde. Das nette Rentnerehepaar, welches sich die Wohnung zum Auslagern der Möbel mit uns teilte und welches schon bei unserem ersten Gespräch eine Ahnung davon hatte, was es bedeutete, ein autistisches Kind zu haben, bat ich um die Erlaubnis, unseren Sohn dort stundenweise unterbringen zu dürfen, dem Vermieter sagten wir nichts davon. Die Mitarbeiterinnen des Mieterbüros haben während der gesamten Sanierungszeit nie wieder gefragt, wo denn unser autistischer Sohn nun untergekommen ist. Benjamin bekam in einer mühsam freigehaltenen Ecke der völlig überfüllten Wohnung zum Auslagern der Möbel einen Klapptisch, einen Klappsessel und ein Netbook mit einem leistungsstarken Akku. Sein jüngerer Bruder, welcher sich samt seinem Haustier, einer tropischen Riesenschnecke, für die gesamte Zeit der Sanierung bei einem Freund der Familie einquartieren wollte, borgte Benjamin seine Handheld-Konsole und die dazugehörigen Spiele. Ein Stapel Bücher aus der Bibliothek rundeten das Beschäftigungsmaterial ab. Bevor unsere Wohnung an der Reihe war, liefen die Arbeiten an der Außenfassade und in den Nachbarwohnungen schon auf Hochtouren. Benjamins zunehmende Nervosität war nicht zu übersehen, seine Schlafprobleme verschlimmerten sich, aber er hielt sich tapfer, weil er uns „nicht noch mehr Probleme bescheren“ wollte. Tausende Fragen prasselten abermals auf uns hernieder, von denen ich auf viele auch gern eine Antwort gehabt hätte. Ab Beginn der Sanierungsarbeiten in unserer Wohnung hielt sich Benjamin tagsüber in seiner winzigen Ecke der Auslagerungswohnung auf und war zufrieden, weil er einen Computer hatte, wenn auch nicht seinen eigenen, und weil niemand außer mir die Wohnung betreten konnte, denn das ältere Ehepaar war für die Sanierungszeit in eine sehr kleine Ausweichwohnung gezogen. Häufig rief mich Benjamin mit dem Handy an, um zu fragen, wie weit die Bauarbeiten fortgeschritten waren oder ob in dem Zimmer, in dem unser immer noch angeschlossener Kühlschrank sein Asyl gefunden hatte, gerade Bauarbeiter zugegen waren. War das nicht der Fall, so kam er zu den gewohnten Essenszeiten herunter, um sich etwas Nahrhaftes zu holen. Obwohl es Hochsommer war, konnte ich Benjamin nicht dazu überreden, in den Park zu gehen oder zum Baden zu fahren. Abends musste die gesamte Wohnung gewischt werden, bevor wir unsere Isomatten und Schlafsäcke auf dem Boden ausbreiten konnten. Am Abend des ersten Sanierungstages äußerte Benjamin den Wunsch, selber seinen Schlafplatz wischen zu dürfen, damit ich nicht so viel zu tun haben würde. Ich war darüber hocherfreut, da unser Sohn zuvor noch nie den Wischmob benutzt hatte. Bis 7 Uhr sollten nicht nur alle im Bad gewesen sein, sondern auch die Campingausrüstung und die Schlafsachen mussten in die Wohnung zum Auslagern der Möbel gebracht worden sein. Diese morgendliche Hektik trieb Benjamin wahrscheinlich dazu, seine Schlafsachen selber zusammenzurollen und in die entsprechende Tüte zu packen. All dies tat er ohne Aufforderung, denn in der angespannten Situation vermieden wir jegliche Forderungen an unseren Sohn, um das Fass nicht zum Überlaufen zu bringen. Benjamin begann jetzt plötzlich damit, Dinge, die getan werden mussten, zu sehen. Das war ein gewaltiger Fortschritt in seiner Entwicklung, welcher hoffentlich auch nach dem Ende der Sanierung erhalten bleibt. Während der Rest der Familie versuchte, aus dem erzwungenen Indoor-Camping das Beste zu machen, kämpfte Benjamin täglich mit neuen Problemen. Es beunruhigte ihn zutiefst, dass die Heizkörper eines Tages verschwunden waren, obwohl die hochsommerlichen Temperaturen den Rest der Familie keinen Gedanken an Heizkörper verschwenden ließen. Die Löcher in den Wänden für die neuen Heizungsrohre wirkten auch nicht beruhigend auf unseren Sohn. Nach wenigen Tagen des Schlafens auf einer Klappmatratze tat Benjamin alles weh, er klagte über Zahn- und Brustschmerzen, die aber nach dem Aufstehen binnen einer Stunde wieder vergingen. An einem richtigen Campingurlaub hätte unser Sohn wohl keine Freude. - Fortsetzung folgt -
Wohnungssanierung 2 - Indoor-Camping
© Inez Maus 2014–2020
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