Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 16. September 2018
Ein liebenswerter Störenfried
© Inez Maus 2014–2020
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Das Zurücklegen eines fast 600 Kilometer langen Heimweges nach einer rundum gelungenen Veranstaltung – ich danke dem wunderbaren Publikum in Hilden – eignet sich bestens für eine Retrospektive. Meine Veranstaltungen bescheren mir berührende, kuriose, traurige und wiederkehrende Erlebnisse. Eine Lesung berührte einen weiblichen Gast so sehr, dass dieser den Drang verspürte, mich zu berühren. Die Frau stürzte in der Pause nach vorn und kündigte an: „Ich bin so gerührt, ich muss Sie jetzt umarmen.“ Ehe ich mich versah oder etwas antworten konnte, befand ich mich in den Armen dieser Frau, die ungefähr meine Größe hatte. Wenig später begab ich mich zur Toilette und erschrak, als ich in den Spiegel sah: Ich trug ein weißes Jackett und auf der rechten Schulter prangte ein gefühlt riesiger, hautfarbener Fleck. Es dauerte eine Weile, bis ich realisiert hatte, dass dies die Schminke der impulsiven Zuhörerin war. Ein Entfernen des Flecks war unmöglich, also begann ich die zweite Hälfte der Lesung mit einer passenden Bemerkung. Die Verursacherin des Flecks litt sehr unter dem Missgeschick, denn sie schrieb mir noch drei E-Mails, in denen sie sich nach dem Erfolg der Fleckentfernung erkundigte. Zu den wiederkehrenden Erlebnissen gehören Missverständnisse bei technischen Absprachen. Sehr ärgerlich ist es, wenn der zuständige Techniker eines Unternehmens einen Analog-Anschluss nicht von einem Digital-Anschluss unterscheiden kann und der Meinung ist, ein VGA-Kabel werde schon an einen HDMI-Anschluss passen. Die Frage nach einem Adapter löste nur Verwunderung aus. Spätere Referenten dürften allerdings von diesem Missgeschick profitiert haben, denn nach der Veranstaltung erreichte mich eine nette Entschuldigung mit der Mitteilung, dass man einen derartigen Adapter anschaffen werde. Workshops, Fortbildungen oder ähnliche Veranstaltungen in Schulen oder bei Gastgebern, die fremde Räume nutzen, bestreite ich gewöhnlich mit eigener Technik. Die Anforderungen an den Veranstalter sind also minimal, denn ich benötige lediglich einen Tisch, eine Präsentationsfläche und einen Stromanschluss. Das scheint leicht zu realisieren zu sein, ist es aber keineswegs – beispielsweise dann nicht, wenn sich die Steckdose für den Stromanschluss in sechs Metern Entfernung zum Tisch und damit zur Präsentationsfläche befindet. Glücklicherweise fand sich unter den Gästen jemand, der ein in der Nähe wohnendes Familienmitglied beauftragen konnte, rasch ein Verlängerungskabel vorbeizubringen. Die Diskussion der Frage nach den Ursachen von Autismus verläuft meist so, dass die heutigen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesem Thema akzeptiert, also angenommen werden. Meist – gelegentlich kommt es auch vor, dass Aussagen wie „Ja, aber die Eltern erziehen das Kind ja so [dass es autistisch wird]“ entgegnet werden. Manchmal bringt man solche Wortmeldungen nicht mit Wissen, sondern mit ähnlich gelagerten Gegenargumenten zum Schweigen. Ein von derartigen Einwänden genervter Teilnehmer konterte sarkastisch: „Das bekommt man doch mit Erziehung niemals so perfekt hin!“ Jeder Autor wünscht sich bei der Präsentation seiner Texte die volle Aufmerksamkeit des Publikums. Zuhörer, die tuscheln oder ein wenig dösen, sind unerwünscht, und erst recht schlafende Besucher. Während einer Lesung hörte ich leise Schnarchgeräusche, die im Laufe der Veranstaltung an Lautstärke zunahmen. Sehr irritierend. Während ich meine Texte vortrug, versuchte ich den Störenfried ausfindig zu machen. Jedes Mal, wenn ich in die Runde schaute, blickten mich interessierte Zuhörer an. Nach einer Weile beruhigte ich mich, indem ich mir sagte: ‚Na gut, es muss ja nicht unbedingt jeder meine Texte gut finden.‘ Ich marterte mein Hirn, ob ich irgendwie auf diese Störung reagieren oder sie lieber ignorieren sollte. Dabei fiel mir auf, dass sich keiner der Gäste an dem Schnarchen zu stören schien. Hörten sie das etwa alle nicht? Es war mit Sicherheit keine Einbildung. Ich verschob das Nachdenken darüber, wie ich mit dem Schnarchen des Lesungsgastes umgehen werde, auf die Pause. Eine gute Entscheidung, denn die Gäste, die nun den Raum für einen Imbiss im Vorraum verließen, gaben den Blick auf einen Blindenhund frei, der friedlich schlafend unter dem Stuhl eines Gastes lag. Damit waren sämtliche Rätsel gelöst. Der liebenswerte Störenfried hatte sich seine Auszeit redlich verdient, denn er ermöglichte seinem Besitzer die Teilnahme an der Lesung.