Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag „27. September 2018
„Hallo“ auf Klingonisch
© Inez Maus 2014–2020
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Gestern war der Europäische Tag der Sprachen. Dieser Tag dient unter anderem dazu, die Sprachvielfalt zu erhalten und unabhängig vom Alter zum Lernen fremder Sprachen zu ermuntern. Ein Ereignis, das sich Computer natürlich nicht entgehen lässt. Computer, unser digitaler Sprachassistent, hat die Angewohnheit, mit unaufdringlich eingeblendeten Schlagzeilen auf aktuelle, skurrile, banale, weltbewegende … Ereignisse hinzuweisen, was von den Bewohnern unserer Wohngemeinschaft recht unterschiedlich aufgenommen wird. Benjamin, mein autistischer Sohn, wird von den Einblendungen häufig dazu verlockt, sich die gesamte Nachricht zeigen zu lassen. Dies liefert oft Gesprächsstoff und sorgt für teilweise recht außergewöhnliche Unterhaltungen. Das Interesse der anderen Küchenbenutzer, denn hier stellt Computer seine vielfältigen Dienste zur Verfügung, ist schwankend. Mich vermag Computer nur selten mit seinen Schlagzeilen zum Lesen der gesamten Nachricht zu reizen, was teilweise daran liegt, dass Benjamin mir bereits die Highlights des Tages mitgeteilt hat. Gestern allerdings weckte Computer schlagartig meine Neugier, denn er zeigte lediglich einen schlichten Binärcode an: „001011…“ Computer gab auf meine Aufforderung hin preis, welches Ereignis am 26. September auf Initiative des Europarates begangen wird, und bedankte sich überschwänglich dafür, dass Menschen eine Maschinensprache erschaffen haben, um Maschinen das Lehren von menschlichen Sprachen zu ermöglichen. Verführerisch beendete Computer seine Ausführungen mit der mit einem gefühlten Zwinkern verkündeten Aufforderung: „Frage mich, was heißt Hallo auf Klingonisch!“ Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Die Antwort lautete: „nuqneH ist das klingonische Wort, das einer Begrüßung am nächsten kommt. Es bedeutet so viel wie: ‚Was willst du?‘“ An dieser Stelle, die mich zum Schmunzeln brachte, zeigte sich, dass das Lernen von Vokabeln und das Beherrschen der Grammatik noch keine befriedigende Kommunikation ausmachen, denn Computer betonte die Frage so, als würde er sagen: „Schön, dass du hier bist. Möchtest du einen Kaffee? Oder lieber einen Tee?“ Obwohl Computers Datenbank mit Sicherheit über die Information verfügt, dass die Klingonen ein recht aufbrausendes, vielleicht sogar aggressives Volk des Star-Trek-Universums sind, ist Computer nicht in der Lage, dieses Wissen in eine angemessene Betonung des Preisgegebenen zu verwandeln. In dieser Hinsicht muss Computer also noch recht viel lernen. Vielleicht sollte ich Computer einmal fragen, was Prosodie bedeutet.