Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag „10. November 2018
„Selbsthilfegruppen
© Inez Maus 2014–2020
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Vor einigen Tagen befand ich mich abends auf dem Heimweg von einem Treffen unserer Selbsthilfegruppe – eine Gruppe von Eltern erwachsener autistischer Kinder. Ein Stück des Weges fuhr ich gemeinsam mit einer Teilnehmerin dieser Gruppe. In der S-Bahn erzählte sie, dass einer ihrer Bekannten ständig nachfragt, warum sie diese Gruppe besuche, sie könne doch auch mit ihm über ihre Probleme reden. Bevor meine Begleiterin ausführen konnte, was sie ihrem Bekannten bereits mehrfach geantwortet hatte, mischten sich zwei Mitreisende, die die restlichen Plätze in unserem Viererabteil belegten, in das Gespräch ein. Der eine Mann äußerte: „Ich bin bei den Anonymen Sexsüchtigen“, und verstummte wieder. Ohne auf diese Bemerkung zu reagieren, begann der zweite Fahrgast mit einem Monolog: „Ich habe gerade das Wort Selbsthilfegruppe aufgeschnappt.“ Dann erzählte er, dass er seit mehr als zwanzig Jahren zu den Anonymen Alkoholikern gehe, schon lange trocken sei, seine Frau ihn nicht verstehe und verlange, er solle da nicht mehr hingehen … Er zwang uns dieses Nicht-Gespräch auf, obwohl er nicht einmal wusste, warum wir eine Selbsthilfegruppe besuchen. Dieses Erlebnis ließ meine eigenen Erfahrungen mit derartigen Gruppen Revue passieren. Es gibt sehr verschiedenartige Zusammenschlüsse in Form von Selbsthilfegruppen – anonyme und nicht anonyme, offene und geschlossene, themenbasierte und themenoffene Gruppen … Eine themenoffene Gruppe, die zudem auch offen für Teilnehmer war – also jeder kann kommen oder fernbleiben, wie es ihm passt – erwies sich für mich als ungeeignet. Jedes Mal trifft man fast nur unbekannte Personen und hört neue Lebensgeschichten. Es fühlte sich an, als ob ich im Internet surfe und Lebensberichte lese, ein echter Austausch kam nicht zustande. Außerdem hatte ich hier das Gefühl, dass der professionelle Organisator diese Gruppe zum Sammeln von Fallbeispielen nutzte. Die meisten Gruppen begrüßen neue Teilnehmer mit dem Satz: „Wir duzen uns hier alle.“ Das mag zwar ein Gefühl der Vertrautheit schaffen, aber als Aufnahmeritual einer Selbsthilfegruppe war es für mich gewöhnungsbedürftig. In nicht anonymen Gruppen kursieren oft Listen, in die verschiedene Daten eingetragen werden sollen. Den Namen und die E-Mail-Adresse anzugeben, ist für mich plausibel, besonders dann, wenn die Gruppe einen Verteiler zum Austauschen von Informationen betreibt. Wenn der Leitende mit pädagogischem Hintergrund aus Gewohnheit dann aber auch die Wohnanschrift, die Diensttelefonnummer oder ähnliche Daten erfassen möchte, sollte man nicht dem Gruppenzwang folgen. Viele Gruppen haben ihre eigenen Regeln. Dazu kann gehören, dass jeder Teilnehmer bei jedem Treffen etwas berichten soll. Meist geht man aus genau diesem Grund zu derartigen Treffen – um etwas zu erzählen, um etwas von den anderen zu erfahren und letztendlich, um zu erleben, dass man mit seinen Problemen nicht allein auf dieser Welt ist. Nicht immer ist man aber dazu in der Lage. Als ich mich in einer schwierigen Situation befand, aber noch nicht in der Verfassung war, darüber zu reden, und trotzdem die Nähe einiger Gruppenteilnehmer als wohltuend empfand, wurde versucht, mich mit Bemerkungen wie „Das bleibt doch unter uns“ zum Reden zu bringen. Ohne Erfolg, worauf mir der Austritt aus der Gruppe nahegelegt wurde. Die perfekt zur eigenen Persönlichkeit passende Selbsthilfegruppe wird sich nicht finden lassen. Daher ist es wichtig, dass man vorab herausfindet, warum man eine solche Gruppe aufsuchen möchte und inwieweit man bereit ist, vom eigenen Idealbild der Gruppe abzuweichen. Die persönlichen Ziele – was möchte und kann ich geben und was erwarte ich zu bekommen – sind das wichtigste Auswahlkriterium für eine Gruppe. Und man sollte von Beginn an seine eigenen Grenzen deutlich ziehen, beispielsweise Themen benennen, zu denen man aus persönlichen Gründen nichts beisteuern wird. Enorm wichtig ist es ebenfalls, regelmäßig zu überprüfen, ob der Besuch der entsprechenden Gruppe immer noch den gewünschten Effekt hervorbringt. Aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit, um nichts Geeigneteres suchen zu müssen, oder als Flucht vor anderen Problemen die Gruppe weiterhin zu besuchen, kann mehr Schaden anrichten als Nutzen hervorbringen. Dem Fahrgast in der S-Bahn würde es vielleicht helfen, wenn er eine Gruppe sucht, die er mit seiner Frau gemeinsam aufsuchen kann.