Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 26. Januar 2019
Ostsee-Bernsteinchen
© Inez Maus 2014–2019
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Am Wochenende endet in Berlin die Grüne Woche, welche die international wichtigste Messe für Ernährungswirtschaft, Landwirtschaft und Gartenbau ist und traditionell in den Messehallen am Funkturm stattfindet. Von einer lokalen Warenbörse im Jahr 1926 hat sich die Grüne Woche zur weltgrößten Messe dieser Art entwickelt und ist ein wahrer Besuchermagnet. Fragen mich Eltern, ob man eine solche Veranstaltung mit einem autistischen Kind besuchen kann, dann rate ich davon ab, denn Probleme sind eigentlich vorhersehbar: Die Besuchermengen verursachen erheblichen sozialen und sensorischen Stress, dazu kommen Gerüche, Farben, Lichteffekte, mannigfaltige Informationen, die verarbeitet werden müssen – die Liste ließe sich fortsetzen. Trotzdem habe ich vor einigen Jahren mit meinem autistischen Sohn Benjamin diese Messe besucht – nicht aus Unwissenheit, nicht aus Ignoranz, auch nicht aus Dummheit, sondern weil es sein expliziter Wunsch gewesen war. Benjamin war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt und hatte ein Jahr zuvor begonnen, verbal mit uns zu kommunizieren – bruchstückhaft, schwer verständlich, aber es war ein Durchbruch. Überall in der Stadt hingen Plakate, die auf das Ereignis hinwiesen und Benjamin verlockten, diesen Wunsch zu äußern. So gut ich es vermochte, versuchte ich, ihn darüber aufzuklären, was ihn dort erwarten würde. Noch nie zuvor hatten wir ein derartiges Ereignis mit ihm besucht. Meine Vernunft riet mir eigentlich, diesen Wunsch nicht zu erfüllen. Aber wie sollte ich das meinem Sohn erklären? Und würde er jemals wieder einen Wunsch äußern, wenn keine Erfüllung erfolgt? Riskierten wir damit womöglich, dass er wieder verstummte? Wir mussten es versuchen! Eine gründliche Vorbereitung war unabdingbar. Sie sah folgendermaßen aus: Ich redete mit Benjamin über das zu Erwartende und zeigte ihm Fotos aus vergangenen Jahren, in denen ich die Messe mit seinem älteren Bruder besucht hatte. Der ältere Bruder, der unbedingt mitkommen wollte, besuchte einige Tage zuvor die Messe mit mir allein. Für Benjamins Besuchstag vereinbarte ich mit ihm, dass er jederzeit klaglos die Messe verlässt, wenn es Benjamin zu viel wird – egal, ob das nach einer halben oder nach vier Stunden der Fall sein sollte. Für Benjamin nahm ich vorsichtshalber Verpflegung und Gegenstände, die ihn beruhigen, mit. Für den Rückweg plante ich ein Taxi ein, falls dies notwendig sein sollte. Basierend auf meinen früheren Messeerfahrungen legte ich eine Route fest, die die hoch frequentierten Hallen mied. Entgegen meinen Befürchtungen verlief dieser Tag nahezu problemlos. Benjamins Erwartungen wurden erfüllt, seine Wissbegierde befriedigt und ich machte die Erfahrung, dass er sehr genau seine Grenzen kennt, denn er verkündete gegen Mittag völlig überraschend, dass er jetzt „nach Hause muss“, was wir auf der Stelle in die Tat umsetzten. Mir bescherte dieser Tag noch ein besonderes Erlebnis: An einem Messestand einer Ostseeregion befand sich ein verwittertes Holzboot, welches mit gelblichem Sand gefüllt war. Während die Eltern über attraktive Urlaubsangebote informiert werden sollten, durften ihre Kinder in diesem Boot nach winzig kleinen Bernsteinstückchen suchen. Das war so mühsam, dass die anderen kleinen Besucher froh waren, wenn sie ein oder zwei Stückchen gefunden hatten, und zufrieden weiterzogen. Benjamin dagegen fischte absolut zielsicher ein Stück nach dem anderen heraus und war sofort wieder die unfreiwillige Attraktion an diesem Stand, weil keiner der Umstehenden wusste, wie das denn funktionierte. Als sich seine kleine Hand sichtbar mit den honiggelben Schätzen füllte, kam eine üppige Frau im Trachtenkostüm vom Stand ziemlich wütend zu uns herüber und beschimpfte Benjamin, dass dies so nicht gedacht sei und dass er gefälligst auch noch etwas für die anderen Kinder übrig lassen solle. An mich gewendet meckerte sie, ich solle meinem „Buben mal Anstand“ beibringen. Eine ältere, rothaarige Frau, die neben mir stand und Benjamin äußerst amüsiert und wohlwollend zugeschaut hatte, entgegnete: „Dann hängen Sie doch ein Schild auf: Nur einen Stein nehmen!“ Das ließ das Gemecker verstummen und ich war dieser Frau dankbar, denn es kam nicht oft vor, dass fremde Personen meinen Sohn spontan in Schutz nahmen. Trotzdem war es unendlich schwer, Benjamin aus dieser faszinierenden Tätigkeit zu lösen, denn diese Beschäftigung hatte keinen Endpunkt, der ihm einen Ausstieg erlaubt hätte. Andere Kinder verließen diese Beschäftigung schnell wieder, weil sie so beschwerlich war oder weil der nächste Stand auch interessante Dinge zu bieten hatte. Aber für Benjamin war hier alles perfekt: Er konnte weichen Sand durch seine kleinen Finger rieseln lassen und wurde dafür noch mit Schätzen belohnt, die er wohlig in seiner rechten Hand zusammenpresste. (Auszug aus: „Anguckallergie und Assoziationskettenrasseln. Mit Autismus durch die Schulzeit“, Inez Maus, Engelsdorfer Verlag, 2014)
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