Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 21. Februar 2019
Das Kind am Gartenzaun
© Inez Maus 2014–2019
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Vor ein paar Tagen lief ich nach längerer Zeit eher zufällig am ehemaligen Kindergarten meines autistischen Sohnes Benjamin vorbei. Benjamins Kindergartenzeit gehört zu den dunklen Episoden unserer Familiengeschichte, da mein Sohn mit vielen, im Nachhinein betrachtet typischen Auffälligkeiten, aber ohne Autismus-Diagnose in einem Integrationskindergarten zurechtgebogen werden sollte. Nachdem wir die Kindergartenzeit unseres Sohnes aus eben genanntem Grund vorzeitig beendet hatten, vermied ich es lange Zeit, an diesem Gebäude vorbeizugehen. Es lag nicht in meinem üblichen Bewegungsradius und geriet somit langsam in eine heilsame Vergessenheit. Als ich neulich dort vorbeikam, rannten, tobten und spielten im Garten Kinder, so, wie man dies von einem Kindergarten erwartet. Am Gartenzaun zur Straße allerdings stand ein kleiner Junge, dick eingepackt in Winterkleidung. Mit den unbekleideten Händen hatte er das Gitter auf Höhe seines Kopfes umfasst. Er schaute intensiv die Straße hinunter und schien auf jemanden zu warten. Die Kinder im Garten und die vorbeigehenden Passanten beachtete er nicht. Eine ganz alltägliche Szene – und doch versetzte sie mir einen tiefen Stich ins Herz. Nicht, weil dieser kleine Junge unglücklich, ängstlich oder einsam wirkte. Er schien einfach nur zu warten. Aber der Anblick des am Zaun stehenden Jungen riss alte Wunden auf. Er erinnerte mich an einen Tag im Hochsommer – jenen Tag, an dem wir beschlossen, Benjamin aus dem Kindergarten herauszunehmen. An diesem Tag wirkte mein Sohn sehr verstört, als ich ihn abholen wollte. Eine seiner Erzieherinnen presste ihn gegen den Gartenzaun am anderen Ende des Gartens. Benjamin, nicht fähig sich verbal mitzuteilen, weinte bitterlich und versuchte wegzulaufen, aber ehe ich bei ihm ankam, riss ihm die Erzieherin die Kleidung vom Körper, weil sie meinte, er wolle unter dem Sprenger duschen. Nackt, voller Panik und in Tränen aufgelöst befreite sich Benjamin aus ihrer Umklammerung und rannte zu mir. Ich setzte mich mit ihm erst einmal auf eine Gartenbank, um ihn zu beruhigen … Auf meine Frage nach ihren Beweggründen antwortete die Erzieherin: „Der hat wohl einen Stich von der Hitze.“ Benjamins Angst vor dem Sprenger wurde von einigen Erzieherinnen ignoriert, weil sie die Meinung vertraten, dass alle Kinder im Sommer gern duschen und sich mit Wasser bespritzen. Seine Abwehr von Körperkontakt durch familienfremde Personen wurde ebenfalls ignoriert, weil Kinder sich durch Berührungen trösten oder ermuntern lassen und weil man sie gelegentlich zu ihrem eigenen Schutz festhalten muss. Dem Festhalten würde ich nur zustimmen, wenn sich das Kind in unmittelbarer Gefahr befindet. Inzwischen habe ich viele engagierte und über Autismus aufgeklärte Mitarbeiter in Kindertagesstätten und Schulen kennengelernt. Mitarbeiter, die kein Duschen unter dem Sprenger zu erzwingen versuchen, die Körperkontakt nicht mit Gewalt durchsetzen wollen, die Rücksicht auf Besonderheiten der Wahrnehmung dieser Kinder nehmen … Oft habe ich das Gefühl, dass sich in den letzten Jahren vieles bei der Betreuung von autistischen Kindern zum Positiven gewendet hat. Manchmal jedoch erreichen mich immer noch schockierende Zuschriften von besorgten Eltern, aber auch von Fachpersonen. Wie beispielsweise der Bericht einer Mutter, deren autistisches Kind beim Kontakt mit Buddelsand schmerzgeplagt weint und aus diesem Grund den Sandkasten meidet. Die „Therapie“ der Erzieherin zum Erreichen von „normalem Spielverhalten“ bestand darin, das Kind mit Sand einzureiben. – Es gibt noch viel aufzuklären!