Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 2. April 2019
Ich will Rücksicht mit Rücksicht vergelten
© Inez Maus 2014–2019
nach oben nach oben
Anlässlich des diesjährigen Welt-Autismus-Tages gibt es eine Premiere auf meinem Blog: Es ist ein Gastbeitrag meines autistischen Sohnes Benjamin. Dieser Text stammt aus einer Seminararbeit zum Thema Diversity Management. Unter positiven Maßnahmen versteht man Maßnahmen, mit denen man Benachteiligungen ausgleichen will, die bestimmte Gruppen aufgrund struktureller Diskriminierung erleiden. Rechtlich möglich wurden sie unter anderem durch das europäische AGG (Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz), das Diskriminierung auf Basis des Geschlechtes, der Ethnie, der Religion, einer Behinderung, Weltanschauung, Alter sowie weiterer Merkmale und Eigenschaften verbietet. Zu den positiven Maßnahmen können Bevorzugung bei gleicher Eignung, das Aufbrechen alter Strukturen mithilfe des Lehrens von Diversity Management und der Unterstützung von „agents of change“, also jenen, die als Benachteiligte Führungspositionen einnehmen, zählen. Die Vorteile liegen auf der Hand: Diskriminierung wird beseitigt oder zumindest gemindert. Man verspricht sich zudem, dass Organisationen und Firmen von einer größeren Vielfalt profitieren, da neue Erfahrungen, Ideen, Ansichten und Ähnliches in den Entscheidungsprozess fließen. Jedoch kann die Anwendung der positiven Maßnahmen der Absicht mehr schaden als nützen, wenn man es falsch angeht. Vor allem beschäftigt mich hier das Bild in der öffentlichen Wahrnehmung. Ich muss gestehen, dass ich selbst einige der Zweifel teilte, die kursieren. Ein Dorn im Auge für mich war und ist zum Teil immer noch die Quote. Für mich wirkte es so, dass einer benachteiligten Gruppe einfach nur dadurch geholfen werden soll, dass sie nun bevorzugt wird. Dass es nur zählte, so einer benachteiligten Gruppe anzugehören. Deshalb wollte und will ich nicht der Quoten-Autist sein. Doch nun verstehe ich, dass Diversity Management kein simples Pflaster auf das Problem packen will und es gut nennt, sondern vielmehr ein Denken fördern will, das nicht Lösungen für Kategorien sucht, sondern sich Lösungen erdenken will, die die individuellen Probleme von Individuen bezüglich Diskriminierung und Benachteiligung beheben. Das gleicht sehr meiner Haltung, wie ich mit meiner Behinderung umgehe: Ich bitte andere auf meine Probleme Rücksicht zu nehmen, will aber auch zugleich selbst auf die Probleme anderer achten. Ich will Rücksicht mit Rücksicht vergelten. Deshalb finde ich auch gut, dass beim Umgang mit Widerstand auf die Leute zugegangen werden soll und dass alle eingebunden werden sollen in den Prozess, auch die Privilegierten. Wenn das Gruppendenken weicher wird, packt man das Problem an der Wurzel.