Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 19. März 2020
Wahrnehmung in Krisensituationen
© Inez Maus 2014–2020
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Eigentlich wollte ich keinen Artikel schreiben, der mit dem Thema Coronavirus in Zusammenhang steht. Aus zweierlei Gründen habe ich meine Meinung geändert. Zum einen hat sich die Lage in den letzten Wochen so zugespitzt, dass aktuell jeder Artikel zu einem anderen Thema wie ein Ignorieren des jetzigen Zustandes wirkt. Zum anderen erreichten mich in den vergangenen Tagen Nachrichten, in denen Leser sich erkundigten, wie wir mit der aktuellen Situation umgehen. Neben der Notwendigkeit, ständig wechselnde Veränderungen ertragen und verarbeiten zu müssen, und einem schlechten Zeitgefühl, welches Zeiträume des Geschehens verzerrt und ein Gefühl der Unendlichkeit des jetzigen (tägliche neu zu bewertenden) Zustandes aufkommen lässt, sind es auch Besonderheiten der Wahrnehmung, die autistischen Menschen in diesen Zeiten noch mehr Probleme bereiten als sonst. Wer von Ihnen bereits eines meiner Bücher bzw. Artikel dieses Blogs gelesen oder eine meiner Veranstaltungen besucht hat, der weiß, dass Benjamin, mein autistischer Sohn, mit recht vielen Besonderheiten in verschiedenen Bereichen der Wahrnehmung im Alltag zurechtkommen muss. Sein Zuhause ist normalerweise der Ort, der so gestaltet ist, dass seine abweichende Wahrnehmung ihn nicht permanent die Kraft für die regulären Aktivitäten und Pflichten des Lebens raubt. Dies hat sich in den letzten Tagen in vielerlei Hinsicht geändert, denn zahlreiche Bewohner unseres Hauses, welches in einer ruhigen Gegend am Stadtrand lokalisiert ist, befinden sich jetzt im Homeoffice oder aus anderen Gründen zu Hause. Sie produzieren damit ein ungewohntes Muster an Reizen, die – ohne die Chance einer Eingewöhnungszeit – verarbeitet werden müssen. Dies sieht dann folgendermaßen aus: Die Kinder im Haus, die tagsüber die Kita besuchen oder in die Schule gehen, produzieren einen ihrer Lebensfreude entsprechenden Lärmpegel, welche sie sonst auf dem Spielplatz, im Park oder an anderen Orten freilassen. Einige Kinder oder deren Eltern haben offenbar den Ehrgeiz entwickelt, die Krisenzeit dazu zu nutzen, die jeweiligen instrumentalen Fähigkeiten mit intensiven Übungszeiten drastisch zu verbessern. Mehrere Mieter des Hauses scheinen sich regelmäßig im Hausflur zu verabreden oder sich dort wirklich immer wieder zufällig zu treffen, denn schließlich muss man ja den Müll wegbringen, nachschauen, ob es neue Aushänge gibt, oder Lebensmittel einkaufen gehen. Bei dieser Gelegenheit wird die Liste mit Verhaltensregeln (von regelmäßigem Händewaschen bis zu der Aufforderung, die Wohnung sauber zu halten – wobei dann erneut Müll entsteht) immer wieder diskutiert, interpretiert, analysiert … Es entsteht hierbei etwas, was ich mit dem Begriff Hausflur-Hintergrundrauschen beschreiben möchte. Homeoffice klingt erst einmal nach einer sehr ruhigen Angelegenheit. Wenn aber mehrere Personen innerhalb einer (unserer) Wohnung an – teilweise Stunden andauernden – Videokonferenzen teilnehmen, dann ist ein dauerhafter Gesprächsfetzen-Pegel unvermeidbar. Andererseits gibt es im Haus derzeit fleißige Hobby-Handwerker, die bohren, sägen, schleifen …, sodass man sich fragt, ob an den entsprechenden Wänden überhaupt noch Platz ist, um ein weiteres Bild aufzuhängen oder noch ein Regal anzubringen. Nicht alle ins häusliche Umfeld Verbannten führen Tätigkeiten aus, die Geräusche produzieren. Einige folgen offenbar auch der „Information des Psychologischen Dienstes zum Umgang mit COVID-19“, die ich für wichtig und richtig halte, und kochen sich „etwas Gutes“. Beim Kochen wird selbstverständlich ausgiebig gelüftet (was auch gleichzeitig in den im Hausflur angeschlagenen Verhaltensregeln gefordert wird), sodass bei dem mutigen Versuch, ein Fenster unserer Wohnung zu öffnen, sofort ein olfaktorisches Potpourri das Zimmer erobert. Zum fluchtartigen Verlassen der Wohnung hätten wir zwei großzügige Balkone. Allerdings verfügen die anderen Mieter ebenso über einen Balkon, sodass man dort dann den kulinarischen Geruchsmischmasch einsaugen und dabei den über die Balkonbrüstung gerufenen Corona-Neuigkeiten, die mit dem jeweiligen Nachbarn ausgetauscht werden, lauschen kann. Jetzt fragen Sie sich sicherlich, wie wir mit den geschilderten Belastungen umgehen. Benjamin verbringt den größten Teil des Tages mit Kopfhörern an seinem Rechner, denn Bibliotheken und Universität sind geschlossen. Das Lüften wird – wenn die Geruchsbelastung tagsüber zu stark ist – auf die Nachtstunden verschoben. Generell verschiebt sich unser ganzes zwischenmenschliches Aktivitätsmuster derzeit in die ruhigeren Nachtstunden. Schwierig ist im Moment das Besorgen der Dinge des täglichen Bedarfs. Damit meine ich nicht, dass auch bei uns ein Engpass an Toilettenpapier besteht, sondern dass mein autistischer Sohn aufgrund von sensorischen Überempfindlichkeiten bspw. nur eine Sorte Waschpulver verträgt (die aktuell nicht mehr verfügbar ist) und dass er somit wie in seinen frühen Lebensjahren wieder zum Versuchskaninchen („Testhase“!*) wird, wenn zwangsläufig eine andere Marke zum Einsatz kommen muss. Liebe Leserinnen und Leser, ich hoffe, dass Sie gesund bleiben und dass wir diese schwierigen Zeiten gut überstehen. *Maus, I. (2017). Geschwister von Kindern mit Autismus. Stuttgart: Kohlhammer, S. 144.