Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 6. Dezember 2020
Ein Tag im August 2038
© Inez Maus 2014–2021
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Das Datum eines Tages im August 2038 wurde an der linken unteren Ecke des Monitors eingeblendet. 2038 – das ist in 18 Jahren. In schneller Abfolge signalisiert das Gehirn das Alter der Personen aus dem näheren Umfeld im Jahr 2038. Hochzeitstage, runde Jubiläen und andere wichtige Events, die in den kommenden 18 Jahren erwartet werden, listen sich vor dem inneren Auge auf. Eine junge Frau, eine Bekannte, die am Ende des Jahres ein Kind erwartet, drängt sich in die Gedanken. Dieses Kind wird im Jahr 2038 volljährig sein. Erinnerungen an den Tag der eigenen Volljährigkeit folgen. Es war kein guter Tag. Der Druck, das tun zu müssen, was scheinbar alle anderen am Tag ihrer Volljährigkeit tun, lastete schwer. Ebenfalls schwer lastete die Verantwortung, die man – glaubte man den Aussagen der nahestehenden Personen – nun plötzlich von diesem Tag an hatte. Die Gedanken kehren zurück zu dem ungeborenen Kind und wünschen diesem, dass es an seinem 18. Geburtstag einen schönen Tag erlebt. Das Videospiel, welches das Datum für einen kurzen Moment präsentiert hatte, bietet weitere zahlreiche Anregungen für Gedankengänge, die parallel zu den eben skizzierten ablaufen. Kurz darauf beendet der Spieler seine Aktivität und fragt die Zuschauende: „Was möchtest du zum Abendbrot essen?“ Die Frage verpufft scheinbar ungehört im Raum. Die Kapazität des Gehirns ist ausgeschöpft. Dutzende unfreiwillige Gedankenschleifen müssen erst ein Ende finden oder ein gewaltsames Ende gesetzt bekommen, bevor so eine triviale Alltagsfrage beantwortet werden kann. *** Warum die Beantwortung der banalen Abendbrotfrage für meine Protagonistin alles andere als trivial ist, wäre Stoff für einen weiteren Artikel. Liebe Leserinnen und Leser, vielleicht haben Sie sich über den Beginn des Artikels ein wenig gewundert. Informationen prasseln auf Sie nieder, ohne dass Sie diese in einen Kontext zur aktuellen Situation oder zu einem gerade besprochenen Thema bringen können. Dies ist ein Grunderleben vieler Menschen mit Autismus. Die oben skizzierten Gedankenketten, die mein Mann bei unserem autistischen Sohn liebevoll als Assoziationskettenrasseln bezeichnet, stammen von einer Autistin, die mir vorschlug, dies in einem Artikel niederzuschreiben.