Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 30. Mai 2021
Nachtigallen in der Stadt
© Inez Maus 2014–2021
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Biologen der Freien Universität Berlin haben herausgefunden, dass es in Berlin so viele Nachtigallen wie in ganz Bayern gibt. Im Frühjahr singen sie um die Wette – wie viele andere Vögel auch. Aber sie tun es nachts und sie tun es in einer Vielfalt von bis zu fünfhundert verschiedenen Strophen. William Shakespeare lässt daher seine Julia in Romeo und Julia sagen: „Willst du schon gehn? Der Tag ist noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang. Sie singt des Nachts auf dem Granatbaum dort.“ Wer als Einwohner von Berlin seine Ruhe vor den Nachtigallen haben möchte, der müsste in dieser Zeit im umliegenden Land übernachten, wo die Vögel deutlich seltener vorkommen. Immer wieder hört man die Behauptung, dass die Nachtigallen in Berlin in Wahrheit Sprosser seien. Der Sprosser ist wie die Nachtigall ein Sperlingsvogel mit ähnlichem nächtlichen Gesang. Er kommt allerdings bis auf wenige Ausnahmen im Land Brandenburg nur östlich der Oder vor. Gelegentlich verirren sich vereinzelte Sprosser aber auch nach Berlin, die dann von den Nachtigallen gekonnt übertönt werden. Ich liebe Nachtigallen, ich mag ihren Gesang und ich genieße es, ihnen beim Einschlafen zuzuhören – jedenfalls war das bis vor wenigen Tagen so. Was ereignete sich vor wenigen Tagen? Ich hatte ein intensives Gespräch mit Benjamin über seine Ein- und Durchschlafprobleme, die mehr oder minder stark ausgeprägt schon sein ganzes Leben bestehen. Die momentane Krise, die Ungewissheit und der damit verbundene Stress haben Benjamins Schlafprobleme aktuell verschärft. Er äußerte für mich ziemlich überraschend: „Vogelgesang an sich ist schön. Doch auch das Schönste kann störend sein, wenn es zur falschen Zeit kommt. Wie zum Beispiel Nachtigall-Gesang inmitten der Nacht, wenn man versucht zu schlafen. Für andere mag es vielleicht sogar beruhigend sein und hilft beim Einschlafen, doch für mich ist es störend, weil es so hohe Töne sind. Nicht hoch genug, um am Tage zu nerven, aber hoch genug, um meinen Schlaf zu stören.“ Die von Benjamin als störend beschriebenen Töne der Nachtigallen – Pfeiftöne, die schneller werden und die Bezeichnung „Schluchzen“ tragen – ziehen die Weibchen besonders stark an. Daher ist es verständlich, dass die Männchen in diesen Tonlagen wetteifern. Haben ihn die Nachtigallen in den Jahren zuvor nicht oder weniger gestört? Oder habe ich nie die richtige Frage gestellt bzw. etwas Relevantes erwähnt, das eine Aussage getriggert hätte? Für mich fühlte sich dieses Gespräch wie ein Déjà-Vu an. Vor drei Jahren hatte ich durch einen Zufall herausgefunden, wie Grillen eine akustische Invasion von Benjamins Gehörgängen vornehmen (siehe Blutmond im Wacken der Grillen). Marie von Ebner-Eschenbachs Ausspruch „Wenn die Nachtigallen aufhören zu schlagen, fangen die Grillen an zu zirpen“ bekommt nach diesen Erkenntnissen eine ganz andere Bedeutung. Bei genauerer Betrachtung dieses Zitates stelle ich allerdings fest, dass es sowohl eine positive als auch negative Auslegung zulässt – entsprechend den Empfindungen des jeweiligen Wahrnehmenden. Einen Tag nach dem Gespräch über die Nachtigallen, bei dem ich auch meine Empfindungen beschrieben hatte, kam Benjamin noch einmal auf dieses Thema zurück. Er erklärte mir: „Dir jedoch hilft der Gesang beim Einschlafen und ich will nicht, dass mein Problem deine Freude trübt. Denn Vogelgesang ist an sich ist schön, solange er nicht im falschen Moment ertönt.“ Der Mai nähert sich dem Ende und damit wird in wenigen Tagen der nächtliche Gesang der Nachtigallen verschwunden sein – zur Freude der einen und zum Bedauern der anderen. Nachtrag am 03.06.2021: Zum Artikel über Nachtigallen erreichten mich unerwartet viele Zuschriften, für die ich mich an dieser Stelle zuerst einmal herzlich bedanken möchte. Da sich etliche Anmerkungen zum Thema überlappen, habe ich mich zu diesem Nachtrag entschlossen. Ich habe dank dieser Zuschriften jetzt eine gute Vorstellung davon, wie wenige oder viele Nachtigallen im Wohnumfeld einiger meiner Leserinnen und Leser singen und ich weiß auch, bei wem erstmalig ein Nachtigallenpärchen im Garten brütet. Hinweise zum Dämpfen von Geräuschen beim Einschlafen gab es ebenfalls. Es hat mir Freude bereitet, diese Berichte zu lesen. Einige Zuschriften enthielten die Erklärung, dass die Nachtigall nicht singe, sondern schlage. Mehrfach wiederholte Strophen, die auch wie ein Rattern oder Schnarren klingen können, werden tatsächlich als Schlagen bezeichnet. Sie machen nur einen Teil des Gesangs der Nachtigallen aus. Die Formulierung „schlagen“ habe ich jedoch absichtlich im Text vermieden, da mein überwiegend in Bildern denkender autistischer Sohn hierbei eine sachlich falsche und auch unangenehme Vorstellung entwickelt, auch wenn ihm sein Verstand durch Abrufen der entsprechenden Information die richtige Erklärung zu vermitteln vermag. In diesem Sinne bevorzugen wie die Formulierung „singen“, auch wenn der Gesang Benjamin am Schlafen hindert.