Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 27. Februar 2022
Crip Time
© Inez Maus 2014–2022
nach oben nach oben
Das Museum für Moderne Kunst (MMK) in Frankfurt a. M. präsentierte von September 2021 bis zum Januar 2022 eine Ausstellung, welche den Titel „Crip Time“ trägt. Die Ausstellung zeigte Werke von Menschen, die eine Behinderung oder chronische Erkrankung haben. Im Booklet zur Ausstellung ist das Ziel dieser Präsentation folgendermaßen beschrieben: „Es gilt, die Verletzlichkeit unserer Körper als etwas uns Konstituierendes zu begreifen. Denn erst unsere Verletzlichkeit macht uns zu sensiblen, wahrnehmenden und verschiedenen Menschen.“ Mich interessierte diese Ausstellung aus zwei Gründen: Zum einen engagierte ich mich einige Jahre lang maßgeblich in einem Kunstprojekt für autistische Menschen, zum anderen habe ich einen sich künstlerisch betätigenden autistischen Sohn. Immer wieder standen und stehen bei uns somit Fragen im Raum wie die, was Kunst eigentlich ist, oder ob alles, was ein Mensch mit Behinderung erschafft, gleichzeitig Kunst ist. Fragen, die sich nur schwer beantworten lassen, ebenso wie die Frage nach den Zielen, die mit der Kunst verfolgt werden. Die Objekte der Ausstellung „Crip Time“ vermitteln in einer großen Bandbreite, was es bedeutet, in bestimmten Bereichen eingeschränkt zu sein. So demonstriert beispielsweise Christine Sun Kim mit ihrer Bildserie „Degrees of Deaf Rage“ die Nuancen der Alltagswut. Die Wut, die anschaulich mittels Tortendiagrammen vermittelt wird, bezieht sich aber nicht auf die Taubheit an sich, sondern auf eine von Hörenden dominierte Welt, die immer noch für mangelnde Teilhabe von auf diesem Gebiet beeinträchtigten Menschen sorgt. Jesse Darlings Werk „Epistemologies (Part of a series)“ ist ein Arrangement, welches mich zugleich berührt und aufgewühlt hat. Es könnte eine Szene aus einem unaufgeräumten Büro sein – ein Haufen Aktenordner, der sich in einer Ecke des Zimmers befindet. Erst bei genauerem Hinschauen bemerkt man, dass diese Aktenordner nicht mit Blättern, sondern mit Betonplatten gefüllt sind. Betonplatten, die den Kampf mit Behörden, Ämtern, Ärzten des chronisch kranken und halbseitig gelähmten Künstlers symbolisieren. Dieses Kunstwerk zeigt zwei Parallelen zu meinem eigenen Erleben und zu den Erfahrungen anderer Eltern autistischer Kinder. Zum einen sind uns allen bedrückend schwere Aktenordner sehr vertraut, zum anderen haben die Ordner mit Betonplatten eine Gemeinsamkeit mit Autismus, den man den entsprechenden Personen auch nicht auf den ersten Blick ansieht. Das MMK hat sich große Mühe gegeben, die Ausstellung barrierefrei zu gestalten. So gab es beispielsweise Audioguides und ein Booklet in Leichter Sprache. Eine Personengruppe, die bei der Barrierefreiheit noch immer nicht in ausreichendem Maße beachtet wird, sind autistische Menschen, obwohl sie nahezu ein Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Ausstellungsräume des MMK sind zwar großzügig gestaltet und bieten genug Möglichkeiten für einen kurzfristigen Rückzug, aber die akustische Belastung war an mehreren Stellen für autistische Menschen wie meinen Sohn eindeutig zu hoch. Somit war die Arbeit „For the 12 disabled people in Lebenshilfehaus (Area of Refuge)“ von Chloe Pascal Crawford, die damit mangelnde Barrierefreiheit durch Treppenstufen thematisiert, für autistische Menschen nur schwer zu ergründen oder auch zu erleben, da sich hier die akustischen Reize zweier anderer Werke überlagerten. Ihr Werk widmete die Künstlerin den zwölf Bewohnern und Bewohnerinnen des Lebenshilfe-Hauses in Sinzig, die im Juli 2021 beim Hochwasser im Landkreis Ahrweiler ums Leben kamen. Zu hören war am und im Raum, der Crawfords Kunstwerk ausmacht, einerseits eine Stimme aus dem Off, die das Video „hand model“ von Michelle Miles preisgibt. Im Video, das die Kontaktaufnahme der im Rollstuhl sitzenden Künstlerin mit einer Modelagentur verarbeitet, äußert eine Agentin auf Englisch: „Ich kann Sie nicht gebrauchen“ – ein Satz, der sich schnell im Gehirn festkrallt. Andererseits war das Gedröhn von Pumpen zu vernehmen. Diese Pumpen ermöglichen, dass sich die Skulpturen „Haecceidad“ von Berenice Olmedo rhythmisch aufrichten und wieder erschlaffen. Die Skulpturen bestehen aus pneumatischen Schienen und verkörpern Lebendigkeit, obwohl sie mit ihren Bewegungen nicht zu einer Einheit, zu einem Körper verschmelzen können. Ob das Geräusch der Pumpen Teil des Kunstwerkes ist oder technikbedingt unvermeidbar war, konnte ich nicht herausfinden. Autistische Menschen, die Reize oft ungefiltert wahrnehmen, haben somit kaum eine Möglichkeit, den Begleittext zu lesen oder Crawfords mit blauen Wellen gefülltem Raum auf sich wirken zu lassen. Orte, an denen sich akustische Reize überlagern, gab es in der Ausstellung mehrere. Für Menschen, die Reize schlecht oder gar nicht ausblenden können, ist der Kunstgenuss (Darf man bei solch einer Ausstellung eigentlich von Kunstgenuss sprechen?) somit erheblich eingeschränkt. In späteren Ausstellungen ist eine akustische Entzerrung daher wünschenswert. Ein Ausstellungsbesuch in Pandemie-Zeiten ist geprägt vom Maskentragen und Abstandhalten – nicht gerade förderliche Umstände, um sich mit anderen Besuchern auszutauschen. Ein paar Gespräche kamen trotzdem zustande. So erzählte mir zum Beispiel ein pensionierter Lehrer, dass er die Ausstellung besucht habe, weil er früher einen Schüler mit Körperbehinderung unterrichtet hatte. Oft habe er sich gefragt, wie er die Werke dieses Schülers im Kunstunterricht bewerten soll oder darf. Eine Antwort darauf fand er in der Ausstellung nicht, dafür aber „viel Erleuchtung und Einblicke in die Lebenswelten der Künstler“. Die Einblicke in die Lebenswelten der Künstler erhält man als Besucher meist erst dann, wenn man die biografischen Daten im Booklet nachliest. Die Ausstellung „Crip Time“ macht nachdenklich, klärt auf, polarisiert, erschüttert, berührt, beeindruckt, verbindet und trennt – von allem ein bisschen und das sorgte für eine ganz besondere Gefühlsmischung, mit der ich letztendlich das Gebäude wieder verließ. Bleibt zu wünschen, dass sie in weiteren Städten gezeigt wird. Kunst erfüllt viele Funktionen – Unterhaltung, Aufklärung, der Hinweis auf Missstände, das Schaffen von Begegnungsräumen, um nur einige zu nennen. In der Regel befriedigt ein einzelner Künstler oder eine thematisch ausgerichtete Ausstellung nicht nur ein, sondern mehrere Bedürfnisse ihrer Rezipienten. Mein autistischer Sohn beschreibt in einer Selbstreflexion seine Ambitionen für das Schreiben von Geschichten folgendermaßen: „Ich will nicht davor schrecken, auch moralisch zweifelhafte Elemente in meine Geschichten einzubauen, denn Geschichten dienen nicht nur der Unterhaltung und der Lehre, sondern auch dem Ausloten der menschlichen Abgründe. Tatsächlich würde ich sogar behaupten, dass die Kunst allgemein die sicherste Möglichkeit ist, dies zu tun. Ein Spielplatz ohne Unfallgefahr, auf dem wir auch mit Werten und Ansichten spielen können, die moralisch abscheulich oder zumindest problematisch sind.“
Chloe Pascal Crawford, For the 12 disabled people in Lebenshilfehaus (Area of refuge), 2021 Ausstellungsansicht MUSEUM MMK Foto: Inez Maus 2022