Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 29. Juni 2022
Stichpunktzettel
© Inez Maus 2014–2022
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Autistische Schüler und Schülerinnen lernen aufgrund ihrer ausgeprägten Detailwahrnehmung, ihrer logischen und faktenorientierten Denkweise und ihres weniger ausgeprägten Verständnisses für soziale Themen anders als nicht- autistische Lernende. Sie haben oft Schwierigkeiten in der Schule, die dadurch entstehen, dass die dort vermittelten Lern- und Arbeitsmethoden ihren speziellen Bedürfnissen nicht entsprechen oder diesen nicht angepasst sind. Dieser Tatsache wird bisher im Schulsystem kaum Rechnung getragen. Daran können auch gut etablierte Nachteilsausgleiche nichts ändern. Autistische Schülerinnen und Schüler benötigen dringend ein Angebot an alternativen, auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Lernstrategien. Aufgrund von zahlreichen Nachfragen werde ich in den kommenden Monaten in loser Folge einzelne, spezielle Themen des Lernens betrachten. Der erste Beitrag widmet sich dem Anfertigen eines Stichpunktzettels. Ein Stichpunktzettel, auch als Stichwortzettel oder Stichwortmanuskript bezeichnet, soll eine Gedankenstütze bilden, um einen Vortrag möglichst frei halten zu können, ohne sich dabei zu verhaspeln oder wichtige Daten zu vergessen. Meist lernen Kinder bereits im Grundschulalter, wie man einen Stichpunktzettel anlegt und danach auch benutzt. Auf einem solchen Zettel sollen wichtige Daten und Fakten sowie schwierige Begriffe notiert werden. Diese Methode basiert auf der Annahme, dass Daten und Fakten schwer zu merken sind. Bei einem längeren Vortrag wird das Anfertigen mehrerer Stichpunktzettel empfohlen und die Struktur des Vortrags sollte ebenfalls einen Platz bei dem Notierten haben. So wird es bereits Grundschülern beigebracht und mit ihnen eingeübt. Ein Stichpunktzettel könnte beispielsweise folgendermaßen aussehen: Stichpunktzettel 1 langgestreckte Bucht, Finnland + Estland, West -> Ost, Russland 400 km lang, Breite 50 km – 130 km 30.000 km² Tiefe 38 m, max. 115 m Wassermenge 1100 km³, Ladogasee Brackwasser, wasserreiche Flüsse, dänische Meerengen, kaum Wasseraustausch Weißmeer-Ostsee-Kanal -> Weißen Meer Tallinn (Estland), Helsinki (Finnland), Ust-Luga + Sankt Petersburg (Russland) Der diesem symbolischen Stichpunktzettel zugrunde liegende Text über den Finnischen Meerbusen lautet folgendermaßen: „Der Finnische Meerbusen […] ist eine langgestreckte Bucht der Ostsee, die sich zwischen Finnland und Estland in west-östlicher Richtung auf Russland zu erstreckt. Die Bucht ist […] etwa 400 km lang, ihre Breite beträgt zwischen 50 km und 130 km. Ihre Fläche beträgt etwa 30.000 km². Die durchschnittliche Tiefe beträgt 38 m und die maximale Tiefe 115 m, womit die gesamte Wassermenge nur etwa 1100 km³ beträgt, was kaum mehr als die des Ladogasees ist. In der Bucht befindet sich vor allem Brackwasser, da mehrere wasserreiche Flüsse in sie münden und die Verbindung zum Ozean über die Ostsee und die dänischen Meerengen […] kaum Wasseraustausch zulässt. Durch den Weißmeer-Ostsee-Kanal gibt es eine schiffbare Verbindung zum Weißen Meer. Die wichtigsten Städte und Häfen am Finnischen Meerbusen sind Tallinn in Estland, Helsinki in Finnland und Ust-Luga sowie Sankt Petersburg in Russland.“ Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Finnischer_Meerbusen (Zugriff am 24.03.2019) Beim obigen Stichpunktzettel wurde alles richtig gemacht – er ist regelkonform angelegt worden. Trotzdem kann ein autistisches Kind, das in der Grundschule diesen kleinen Vortrag mithilfe dieses Stichpunktzettels halten soll, jämmerlich versagen. Es schaut möglicherwiese auf diesen brillant angefertigten Zettel und kann keinen einzigen Satz um die Fakten herum bauen, damit aus den Fakten ein Vortrag wird. Woran liegt das? Autistische Kinder und Jugendliche haben oft Schwierigkeiten mit Füllwörtern, mit ungenauen Begriffen, mit Redewendungen und gelegentlich auch mit Eigennamen oder Fremdwörtern. Dagegen fällt es vielen leicht, sich Zahlen und Fakten zu merken. Wenn der Stichpunktzettel also genau die Dinge enthält, die sich sowieso im Kopf befinden – wozu soll er dann gut sein? Er ist nutzlos. Die eigentliche Schwierigkeit für autistische Kinder und Jugendliche besteht nicht darin, die Daten und Fakten wiederzugeben, sondern diese Daten und Fakten mit geschmeidigen Wörtern zu einem Ganzen zu verschmelzen, das sich dann Vortrag nennt. Demzufolge sollte der Stichpunktzettel eines autistischen Lernenden die geschmeidigen Füllwörter und nicht die Daten und Fakten erhalten. Der Stichpunktzettel könnte in diesem Fall zum Beispiel wie folgt aussehen: Stichpunktzettel 2 der … ist eine … die sich zwischen … die Bucht ist …, ihre Breite … ihre Fläche beträgt … die durchschnittliche Tiefe … und die maximale Tiefe … die gesamte Wassermenge …, was kaum mehr als die des … in der Bucht befindet sich vor allem … und die Verbindung zum Ozean … durch den … gibt es eine schiffbare Verbindung … die wichtigsten Städte und Häfen … Ust-Luga Und plötzlich gelingt es dem autistischen Schüler oder der autistischen Schülerin ebenso einen Vortrag zum Finnischen Meerbusen zu halten (wenn eventuelle andere Begrenzungen mit passenden Nachteilsausgleichen aus dem Weg geräumt wurden). Die hier vorgestellte Methode ist eine mögliche Option, die geprüft werden sollte. Der Blogartikel sollte nicht zu der Annahme verleiten, dass diese Methode bei allen autistischen Lernenden funktioniert – dafür ist das Spektrum zu groß. Die hier vorgestellte Methode möchte vielmehr dazu verleiten, mit dem autistischen Schüler oder der autistischen Schülerin gemeinsam herausfinden, welche Methode zum Erfolg führt. Und diese gefundene Methode sollte keine Wertung von Richtig oder Falsch erfahren!