Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 31. Juli 2022
Ein Tag am Strand
© Inez Maus 2014–2022
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Für viele ist die Urlaubszeit eine immer wieder langersehnte und die zugleich schönste Zeit des Jahres. Für autistische Kinder trifft dies oft nicht zu, denn Urlaub bedeutet massive Veränderungen, besonders dann, wenn der Urlaub mit einer Reise verbunden ist. Für nicht-autistische Kinder und Erwachsene stellt eine Reise in der Regel eine willkommene Abwechslung zum Alltag dar. Für autistische Kinder bedeutet eine Reise, mit einem anderen Ort, mit anderen Menschen, mit anderem Essen, mit anderen Getränken, vielleicht mit einer anderen Sprache, mit einem anderen Tagesablauf … zurechtkommen zu müssen. Autistische Kinder verfügen aufgrund ihrer Besonderheiten kaum über Strategien zum Bewältigen von Veränderungen, was unter anderem bedeutet, dass sie die Dauer und das Ende einer Veränderung schlecht einschätzen und keinen Handlungsplan abrufen können, um mit der Veränderung umzugehen. Eine Reise bringt zudem mannigfaltige andere sensorische Erlebnisse mit sich, die schnell zur Belastung werden können oder in einer Reizüberflutung münden. Ist eine Reise mit autistischem Kind aus diesem Gründen unmöglich? Sollte sie vorsorglich unterlassen werden? Die Antwort auf diese Fragen lautet eindeutig: nein. Aber eine Reise mit autistischem Kind sollte gründlich geplant und durchdacht werden. In meinem heutigen Beitrag möchte ich einige Anregungen geben, wie ein Tag am Strand mit einem autistischen Kind gelingen kann. Autistische Kinder haben oft eine starke Bindung an bestimmte Gegenstände, denn Gegenstände verändern sich nicht – und dieser Umstand schafft Vertrautheit und Vorhersehbarkeit. Wenn die Buddelsachen des autistischen Kindes von anderen Kindern benutzt werden oder wenn am Ende des Tages die blaue Schippe, die beim Einsammeln des Spielzeugs übrigbleibt, nicht die blaue Schippe des autistischen Kindes ist (auch wenn sie genauso aussieht), kann dies zu einer Krise führen. Abhilfe lässt sich hier durch eine einfache vorbeugende Maßnahme schaffen: Vor Reisebeginn werden die Initialen oder ein beliebiges Symbol mit einer erhitzten Metallspitze in die Spielzeuge geschmolzen. Aneinandergereihte Punkte eignen sich hier besonders, weil sie gut wahrnehmbar, aber nicht zu offensichtlich sind. Das autistische Kind erhält somit die Sicherheit, dass es sein Spielzeug am Ende des Tages zurückerhalten wird. Viele autistische Kinder können Urlaubstage in fremder Umgebung nur ertragen, vielleicht auch genießen, wenn sie mit informativen Aktivitäten angefüllt waren. Im Eiscafé sitzen, einen Einkaufsbummel unternehmen oder auf der Uferpromenade flanieren – das sind Dinge, die autistische Kinder meist nicht entspannen, sondern stressen. Ähnlich kann es sich verhalten, wenn ein autistisches Kind gut ausgerüstet mit Buddelspielzeug am Strand abgesetzt wird. Entweder weiß es nicht, was es nun tun könnte oder es hat zu viele Bauideen aus Sand und die Umsetzung scheitert an der Festlegung der Reihenfolge. Diese Schwierigkeit lässt sich umgehen, wenn bei der Vorbereitung der Reise kleine laminierte Kärtchen mit Ideen für Sandbauwerke angefertigt werden. Autistische Kinder mit vielen Ideen können vorab nach ihren Ideen gefragt werden. Das autistische Kind kann so eine Karte nach der anderen bearbeiten, also das Bauwerk aus Sand erschaffen, und wird diese Unterstützung dankbar annehmen. Eine Sandburg oder ein anderes Bauwerk aus Sand ist etwas Vergängliches. Autistische Kinder können mit dieser Vergänglichkeit ein Problem haben, da das Verschwinden des Bauwerkes eine Veränderung darstellt. Dem autistischen Kind hilft es, wenn vorher (bei Bedarf gegebenenfalls mehrmals) auf die Vergänglichkeit der Bauwerke hingewiesen wird. Die beste Methode, der Vergänglichkeit entgegenzuwirken und dem autistischen Kind eine Art von Beruhigung zu verschaffen, besteht darin, die Sandkunstwerke zu fotografieren. Diese Fotos eignen sich dann auch sehr gut, um den nächsten Urlaub vorzubereiten. Einige autistische Kinder reagieren sehr empfindlich auf Sonne oder Wind – auch wenn der Wind nur in Form einer sommerlichen Brise daherkommt. Andere empfinden Badebekleidung als beengend. T-Shirts, Shorts, lange Hosen oder Kleider aus leichter Baumwolle sind ebenso geeignete Bekleidungen für einen Tag am Strand. Ein Eis (oder mehrere) darf gewöhnlich an einem Badetag nicht fehlen. Das Anstellen an der jeweiligen Verkaufsstelle bedeutet für autistische Kinder aber meist noch mehr sensorischen und sozialen Stress, als der Tag am Strand ohnehin bietet. Dieser Stress lässt sich verhindern, indem eine Person der Gruppe (bspw. ein Elternteil oder ein Geschwisterkind) mit einer Kühltasche zum Eisstand geschickt wird. Somit lässt sich das am speziellen Strandort aufgebaute vertraute Umfeld in der wenig vertrauten Umgebung des Urlaubsortes erhalten, weil die Sicherheit gebenden Routinen in dieser Situation nicht wegbrechen. Natürlich gibt es bei einem Tag am Strand noch viele weitere Aspekte wie das Baden, den Sonnenschutz, das Essen und Trinken oder sportliche Betätigungen, die in Bezug auf das autistische Kind Beachtung finden sollten bzw. müssen. Abschließen möchte ich mit der Anmerkung, dass autistische Kinder nach einem Tag am Strand möglicherweise einen Tag Pause benötigen, bevor ein weiterer folgen kann, denn auch ein gelungener Strandtag kann dieses Kind viel Kraft kosten und an den Rand seiner Kaltreserven bringen. Diese Reserven müssen dann beispielsweise mit einem Lese- oder Spieltag in der Unterkunft aufgefüllt werden. Ein solcher Tag eignet sich gut, um mit einem Geschwisterkind Exklusivzeit zu verbringen.