Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag  30. Mai 2024
Buchempfehlung „Falscher Planet“
© Inez Maus 2014–2024
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Transparenz: Das Buch ist ein Geschenk des Autors Im Alter von neun Jahren sagte Benjamin, mein autistischer Sohn, Folgendes zu mir: „Ich fühle mich wie ein Außerirdischer, der in deinen Bauch gebeamt wurde. Kannst du das verstehen, Mami?“ Diese Aussage schien aus dem Nichts zu kommen und erstaunte mich aus zweierlei Gründen. Zum einen erfreute mich der wohl formulierte Satz, denn Benjamin war bis zu seinem sechsten Lebensjahr nahezu nonverbal, benutzte die gesprochene Sprache also erst seit ungefähr drei Jahren. Zum anderen tat er diese Äußerung, bevor die Diagnose Autismus bei ihm sehr spät gestellt wurde (obwohl es seit seinem zweiten Lebensjahr viele Auffälligkeiten gab, die genau in diese Richtung deuteten). Das Gefühl, sich auf dem falschen Planeten zu befinden, teilt mein autistischer Sohn mit vielen autistischen Menschen. Sie sehen zwar aus wie andere Menschen, aber fühlen sich nie richtig verstanden von diesen anderen Menschen und verstehen die anderen Menschen oft nicht. Dieses Empfinden transportiert auch die aus dem englischen Sprachraum kommende Bezeichnung „Wrong Planet Syndrom“, womit autistische Menschen ihre Schwierigkeiten beschreiben, die früher unter dem Asperger-Syndrom verstanden wurden. Diesem Gefühl, auf dem falschen Planeten gestrandet zu sein, widmet sich jetzt ein Kinderbuch zum Thema Autismus. Das Kinderbuch „Falscher Planet“ stammt von dem Autor Holger Nils Pöhl und trägt den Untertitel „Wie Autisten die Welt erleben“. Erschienen ist es im Neufeld Verlag – ein Verlag, der sich schwerpunktmäßig auch dem Thema Behinderung widmet, weil solch „außergewöhnliche Menschen unser Leben bereichern“ (Website des Verlags) und der bereits zum Thema Autismus das Kinderbuch „Mia – meine ganz besondere Freundin“ verlegt hat. Holger Nils Pohl hat das Buch aus seiner eigenen Erfahrung als „Aspie“ geschrieben und die Verlagsangaben verraten auch, dass er Vater von Kindern im Autismus-Spektrum ist. Das Hardcover-Buch wurde von Benjamin Dammeier illustriert, umfasst 76 Seiten und wird ab einem Alter von fünf Jahren empfohlen. In der Geschichte muss ein wandlungsfähiges Alien auf der Erde notlanden. Es trifft verschiedene Tiere und passt sich diesen seinen Möglichkeiten entsprechend an, aber ein Miteinander scheitert trotzdem an Missverständnissen, die meist in der Sprache oder in ungeschriebenen Regeln begründet sind. Dies ändert sich, als das Alien auf ein Schnabeltier trifft … Die Geschichte erklärt auf sehr anschauliche Weise, was Masking (Maskieren, das Nachahmen der Verhaltensweisen nicht-autistischer Menschen) ist, warum es viel Energie kostet und wieso es nicht immer den gewünschten Erfolg hat. Die Akteure der Geschichte sind Tiere, sodass das Buch sicherlich nicht nur für nicht-autistische Kinder Erklärungen zum Thema Autismus zu liefern vermag, sondern auch jüngeren autistischen Kindern ihre Schwierigkeiten zu erklären vermag. Im Anhang befinden sich kindgerechte Erklärungen zu verschiedenen Aspekten von Autismus – wie beispielsweise Überforderung, Spezialinteresse, Metaphern – und die Aufforderung, die eigene Besonderheit mithilfe eines Tieres herauszufinden: „Wärst du eine mutige Maus? Ein eleganter Elefant? Oder vielleicht ein lustiger Löwe?“ (S. 70) Die Geschichte „Falscher Planet“ ist geeignet, um bei Kindern mehr Verständnis für Wesen (Menschen), die anders sind, zu erzeugen. Sie erklärt einfallsreich, wie sich autistische Menschen in bestimmten Situationen fühlen. Dies wird durch witzige Illustrationen unterstützt. Beim Lesen der Geschichte sollte besonders bei jüngeren Kindern ein Erwachsener, der sich mit Autismus auskennt, anwesend sein, um die Fragen der Kinder sofort beantworten zu können und um den Bezug zu dem autistischen Kind, welches die Lektüre des Buches ausgelöst hat, herzustellen. Ich finde, dass sich dieses Buch auch für Geschwisterkinder eignet, und werde es deshalb meiner Liste mit hilfreichen Materialien für Geschwisterkinder hinzufügen.