Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 25. Juni2020
Es geht mir gut …
© Inez Maus 2014–2020
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… unter der Decke. Diese Beschreibung seines Zustandes gab Benjamin, mein autistischer Sohn, vor einigen Jahren – allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Zuerst zeigte er auf ein visuelles Hilfsmittel, auf dem sich ein Wesen unter einer Decke verkrochen hatte. Dann fügte er seinem Hinweis die Formulierung „Es geht mir gut“ hinzu. Das visuelle Hilfsmittel, welches ich in der eben geschilderten Situation zum Einsatz brachte, waren die Gefühlsmonster © -Karten der Gefühlsmonster GmbH. Autistische Menschen haben Schwierigkeiten mit dem Erkennen und mit dem Ausdrücken von Gefühlen, wobei diese Schwierigkeiten im Sinne eines Nicht-Könnens und nicht als ein Nicht-Wollen verstanden werden müssen. Um beide Fähigkeiten zu verbessern, gibt es eine Fülle an Hilfsmitteln und Programmen. Vieles habe ich mit Benjamin ausprobiert. Sammlungen mit Emoticons in verschiedensten Ausführungen brachten wenig Erfolge, weil jedem Bild eine verbale Zuschreibung zugeordnet war, die dem Innenleben meines Sohnes selten entsprach. Programme wie „FEFA“ oder „Mind Reading“ vermochte er gut zu absolvieren, aber ein Transfer des Gelernten in die Praxis fand nicht statt. Das Abrufen der gelernten Inhalte in einer konkreten sozialen Situation dauerte zu lange und kostete viel Energie. Zudem passte die Ausgestaltung der Beispielsituation nie auf eine tatsächliche Situation. Eines Tages entdeckte ich auf meiner Suche nach geeignetem Material die Gefühlsmonster © -Karten und es war bei mir Liebe auf den ersten Blick. Autistische Menschen haben meist starke Veränderungsängste, was es umgebenden Personen erschwert, etwas Neues einzuführen. Wie konnte ich diese Karten also Benjamin schmackhaft machen? Halt – mein Sohn würde jetzt protestieren, dass er die Karten doch nicht verzehren will! Die Frage, wie ich die Karten in die Familie eingebracht habe, wurde mir in der vergangenen Woche gerade wieder einmal in einer Fortbildung gestellt und ich möchte sie hier beantworten. Mir kam damals aufgrund der Jahreszeit – es war Ende November – eine Idee. Einen Weihnachtskalender, den Benjamin zusätzlich zu seinem mit Gummibärchen gefüllten Kalender erhält, wird er nicht ablehnen, weil ihm die Rituale zur Weihnachtszeit sehr viel bedeuten. Das Set enthält 25 Karten und somit gab es jeden Tag eine Karte im Kalender zu entdecken, am Weihnachtstag dann zwei. Die Karten sind fortlaufend nummeriert, was sie für alle meine Kinder als Weihnachtskalender prädestinierte. Damit sie nach dem Auspacken gut sichtbar blieben, befestigte ich sie mit Magneten am Kühlschrank – ordentlich aufgereiht in der korrekten Reihenfolge, fünf Reihen mit je fünf Monstern. Als ich sie nach der Weihnachtszeit entfernen wollte, protestierte Benjamin … … und so haften sie noch heute bei uns am Kühlschrank. Die Küche ist ein zentraler Begegnungspunkt und somit animieren die Karten immer wieder, sich je nach Verfassung oder Stimmung verbal oder nonverbal, ausführlich oder knapp, zu zweit oder mit mehr Teilnehmern über Gefühle auszutauschen. Auf diese Art haben wir auf diesem Gebiet alle viel voneinander gelernt – vollkommen zwanglos. Als großen Vorteil empfinde ich, dass die Karten keine Zuschreibungen von Zuständen enthalten. Somit bleiben alle Interpretationsmöglichkeiten offen und jedes einzelne Monster vermag eine gewisse Bandbreite an Gefühlen abzudecken. Die Karten ermöglichen Benjamin, einen Zugriff auf seine wahren Gefühle zu erhalten, diese zu äußern und sich darüber mit uns auszutauschen. Das eingangs erwähnte Monster unter der Decke (Nr. 13) wird in meinen Seminaren, die ich inzwischen für die Gefühlsmonster GmbH zum Thema Autismus gebe, durchgängig mit Angst, Rückzug, Unbehagen, gelegentlich auch Panik assoziiert. Dass dieses Monster auch Schutz, Entspannung und Geborgenheit bedeuten kann, hat mich mein autistischer Sohn gelehrt. Möchten Sie mehr zu diesem Thema erfahren? Zum Beispiel, welche Strukturen hilfreich sind, um die Karten im Umgang mit autistischen Kindern und Jugendlichen einzusetzen? Oder wie die Karten dabei helfen können, Situationen kontextbezogen zu bewerten? Die Gefühlsmonster GmbH veranstaltet in diesem Jahr eine Sommer-Akademie mit Online-Seminaren zu verschiedenen Themen. Anmeldungen sind über die Seite der Gefühlsmonster GmbH möglich. Das Thema Autismus unter dem Aspekt Gefühle wird von mir am 28. Juli 2020 und am 18. August 2020 vorgestellt. Zurzeit befindet sich Benjamin im übertragenen Sinne leider nicht unter der Decke, denn die momentane Situation bereitet ihm durch die Unsicherheit und durch geänderte Anforderungen recht viel Stress. Sein jetziges Empfinden beschreibt er mit einem Monster (Nr. 22), welches von Bauchschmerzen geplagt zu sein scheint.
Dieser Blogartikel enthält Veranstaltungs- hinweise in eigener Sache und Links zum Kooperations- partner.