Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 13. Dezember 2020
Das goldene Rentier Zweiter Teil
© Inez Maus 2014–2021
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Dies ist ein Gastbeitrag meines Sohnes Benjamin. Katalina schreckte aus ihrem Schlaf hoch. Schwer atmend saß sie einige Momente lang auf ihrem Fellbett in der Höhle, welche sie und Hugo seit einiger Zeit bewohnten. „Schlecht geträumt, Katalina?“, fragte Hugo besorgt, der nie ruhig schlafen konnte, wenn Katalina es nicht tat. „Ich bin ... mir nicht sicher“, gestand Katalina ihm. „Ich habe einen jungen Mann durch eine Art Tunnel laufen sehen. Der Tunnel endete und der Mann lief freudestrahlend aus ihm heraus … dann fiel er. Und ich wachte auf.“ „Ein Tunnel, der im Nichts endet?“, fragte Hugo verwundert. „Katalina, niemand baut so etwas Sinnloses. Du hast nur schlecht geträumt.“ Doch Katalina schien nicht dieser Ansicht zu sein. Sie stand auf und suchte nach ihrem Mantel. „Katalina?“, fragte Hugo verdutzt. „Ich weiß nicht warum, doch ich glaube nicht, dass es ein Traum gewesen war, sondern es ist vielmehr eine Vision“, legte Katalina dar. „Und erinnerst du dich, was der alte Mann verlauten ließ? Ich sollte tun, was mir mein Herz sagt. Und dieses sagt, dass da draußen irgendjemand in Not ist und meine Hilfe braucht.“ „Aber Katalina, es ist bitterkalt und der Schnee tobt. Du willst doch nicht wirklich da hinausgehen!?“, erwiderte Hugo und bei dem Gedanken an die Witterung, die draußen am Höhleneingang lauerte, zitterte er wieder einmal wie ein Wackelpudding. „Gerade deshalb muss ich ja gehen! Wenn er da draußen irgendwo im Schnee liegt, wird er erfrieren“, bekräftigte Katalina ihr Vorhaben und begab sich aus der Höhle. Hugos Umschreibung, dass der Schnee tobt, war noch verharmlosend. Ein ausgewachsener Schneesturm mit Zügen eines Blizzards fegte in der Nacht vor Weihnachten über die Insel. „Wie willst du jemanden in diesem Chaos finden, Katalina?“, wollte Hugo wissen. „Weißt du überhaupt, in welche Richtung wir müssen?“ Bevor Katalina zugeben konnte, dass sie es nicht wusste, erschien unweit von ihnen im Schneegestöber ein goldenes, warm glühendes Licht, einem friedlichen Kaminfeuer nicht unähnlich. Ohne zu zögern, folgte Katalina dem Licht und Hugo folgte ihr unverzüglich, auch wenn er dabei Angst und ein ungutes Gefühl hatte. Katalina gelang es nicht, das Licht einzuholen, denn es wanderte stetig weiter und führte sie so durch den Wald. Dies begriffen das Mädchen und das tropfenförmige Etwas rasch. Es vergingen nicht wenige Minuten, in denen die beiden durch die vom Schnee durchschnittene Dunkelheit stapften, doch solange sie das Licht sahen, verließ sie der Mut nicht. Letztendlich kamen sie in einen Teil des Waldes, der von kleineren Felsformationen durchsetzt war. Vor einem dieser Felsen verharrte das Licht und Katalina konnte es endlich einholen. Der Träger des Lichtes schien auf den ersten Blick einer der Rehböcke zu sein, die man oft auf der Insel zu Gesicht bekam. Doch dann erkannte Katalina, dass der Lichtträger größer war, ein dichteres, goldbraunes Fell aufwies und ein prächtigeres Geweih trug als die heimische Population. Zudem hatte Katalina noch nie ein Reh mit einem goldigen Schein gesehen. Der Goldige scharrte sehr eindrücklich an einem Schneehaufen und als Katalina etwas Eis und Schnee mit ihren Händen zur Seite schob, kam der junge Mann aus ihrem Traum zum Vorschein, ohnmächtig und leicht blau angelaufen. „Bei den Göttern! Hoffentlich ist es nicht zu spät. Hugo, hilf mir!“, bat sie hastig ihren Freund. Zusammen gelang es dem Goldigen, Katalina und Hugo den Verschütteten aus seinem Beinahe-Schneegrab zu befreien. Kaum war die Errettung vollendet, da ließ sich das stolze Tier auf seine Knie nieder. Katalina verstand und sie hievte mit ihrer ganzen Kraft den Bewusstlosen, der deutlich schwerer war als sie, auf den Rücken des Vierbeinigen. Nachdem sie den jungen Mann in eine angenehme Lage gezogen hatte, stand der Goldige auf und ging mit erstaunlich leichtem Schritt erneut durch den Schneesturm, wobei er darauf achtete, dass Katalina und Hugo mithalten konnten. Nicht sehr weit entfernt saß ein besorgter Vater im Wohnhaus seiner Farm. Der Vorsteher der Mine und einige Minenarbeiter leisteten ihm Gesellschaft, wobei man aber nicht von einer fröhlichen Runde sprechen konnte. Tatsächlich herrschte tiefste Betrübtheit. Angefangen hatte es damit, dass der Minenvorsteher am späten Nachmittag an der Tür geklopft und dann gefragt hatte, ob Erik zuhause wäre. Als der Vater dies verneinen musste, teilte ihm der Vorsteher mit: „Armin, es tut mir leid, doch Erik ist verschwunden. Er ist wie vom Erdboden verschluckt.“ Daraufhin erzählte der Vorsteher, wie er den Stollen, in dem Erik allein gearbeitet hatte, leer vorfand. Niemand hatte gesehen, wie der junge Mann die Mine verließ, dabei waren nicht wenige anwesend gewesen. Darum wurde eine Suche veranlasst, die zuerst die Mine umfasste, dann die nähere und anschließend die weitere Umgebung, doch Erik blieb verschwunden. Nirgendwo hatte irgendjemand ihn gesehen. Und nun verhinderte der Schneesturm weiteres Suchen. „Das ist nicht gut, überhaupt nicht gut“, beklagte Armin, als er einen Blick aus dem Fenster warf. „Wenn Erik da draußen ist, holt ihn der Tod.“ „Ich weiß ...“, gestand der Minenvorsteher. „Doch eine Suche macht keinen Sinn. Wir sehen kaum die Hand vor Augen in dieser stürmischen Dunkelheit.“ Zustimmendes Gemurmel ertönte von den Minenarbeitern, wobei aber auch ein schlechtes Gewissen mitschwang. Armin antwortete nicht darauf, sondern starrte weiter nach draußen in das Schneegestöber. Da klopfte es an der Tür. Bevor die Minenarbeiter es überhaupt mitbekamen, befand sich Armin bereits an der Tür und riss sie auf. Was für ein Anblick sich ihm bot! Da standen ein Mädchen in einem etwas abgenutzten Mantel, ein tropfenförmiges Ding und ein goldig glühendes Rentier vor seiner Tür. Und auf dem Rücken des Rentiers lag sein Sohn Erik. Das Mädchen öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Armin kam ihm zuvor: „Später, später. Kommt erst einmal herein, ihr müsst ja halb erfroren sein.“ Armin machte Platz und ließ das Mädchen und das Ding herein. Dann zog er Erik sanft vom Rücken des Rentiers und trug ihn mit der Stützhilfe des dazugekommenen Minenvorstehers hinein. Nachdem Erik vor dem Kamin abgesetzt worden war, eilte Armin zurück zur Tür, um sich das seltsame Rentier genauer anzusehen, doch es war bereits von dannen gezogen. Am nächsten Morgen, am Weihnachtstag, weilte Erik wieder in den Reihen der Bewussten und hielt zitternd eine Tasse mit heißer Schokolade in seinen Händen, während er mit mehreren Stoffdecken dick eingepackt auf einem Stuhl nahe dem Kamin saß. Um ihn herum wanderten sein Vater, seine Retterin Katalina und das mysteriöse Wesen Hugo, um die letzten Vorbereitungen für das gemeinsame Weihnachtsfest zu treffen, nachdem sie die Minenarbeiter am Morgen verabschiedet hatten.
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