Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 27. Juni 2021
„Das selbst gemachte Therapie-Geschwisterkind“
© Inez Maus 2014–2021
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In der Diskussionsrunde einer Veranstaltung zum Thema Autismus äußerte eine Fachperson Folgendes: „Ich möchte Ihnen den Mut geben, weitere Kinder zu bekommen, wenn das erste ein autistisches ist.“ Die Mut gebenden Worte waren nicht an mich persönlich gerichtet, sondern an die zuhörenden Eltern eines autistischen Kindes. Aha, denke ich, dann habe ich ja alles richtig gemacht. Mein autistisches Kind war zwar nicht das Erstgeborene, aber ich habe danach ein weiteres Kind bekommen. Von der referierenden Fachperson erwartete ich nun, dass sie darauf eingeht, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit ist, ein weiteres autistisches Kind zu bekommen. Ich wartete vergebens, denn die Intention dieser Fachperson, die obige Aussage zu machen, war eine gänzlich andere. Nach ein paar Ausführungen zur Nützlichkeit eines Assistenzhundes bei Autismus folgte eine Aussage, die mich entsetzte, denn Eltern eines autistischen Kindes sollten aus dem folgenden Grund ein weiteres Kind bekommen: „Nicht nur der Therapiehund ist wichtig, sondern vielmehr das selbst gemachte Therapie-Geschwisterkind.“ Das selbst gemachte Therapie-Geschwisterkind ist der denkbar schlechteste Grund für ein weiteres Kind! Das Kind wird somit bereits vor seiner Zeugung instrumentalisiert. Ihm wird eine Funktion zugeschrieben, die mit einer Erwartungshaltung verknüpft ist. Dies steht der freien Entfaltung der eigenen Persönlichkeit des Kindes diametral entgegen und bietet kaum Chancen auf ein gute Geschwisterbeziehung. Auch die Beziehung des Kindes zu den Eltern wird sich in dieser Konstellation nicht sonderlich positiv entwickeln. Die Schriftstellerin Jodi Picoult beschrieb ein solches Szenario bereits in ihrem Roman „Beim Leben meiner Schwester“. In diesem Drama versuchen die Eltern ein Kind durch ein weiteres Kind, welches als lebendes Ersatzteillager dient, zu retten. Ganz so dramatisch wäre die Situation eines selbst gemachten Therapie- Geschwisterkindes nicht, aber die ethische Grundfrage ist dieselbe. Zweifelsohne lernen Geschwisterkinder viel voneinander. Das gilt ebenso, wenn ein autistisches Kind unter ihnen ist. Das gilt jedoch nicht oder nur sehr eingeschränkt, wenn das Geschwisterkind als Therapeut, Co-Therapeut oder Aufsichtsperson (häufig/dauerhaft) eingesetzt wird. Damit wird dem Kind die Rolle des Geschwisters entzogen und durch eine partielle Erwachsenenrolle ersetzt. Selbst wenn die anfangs erwähnte Fachperson ihre Aussage getätigt hatte, um darauf hinzuweisen, dass ein autistisches Kind von seinen Geschwistern in der Entwicklung profitieren kann, ist die Formulierung denkbar ungünstig gewählt, weil sie entweder seriöse Therapien generell banalisiert (denn so etwas kann ja auch von dem Geschwisterkind erledigt werden) oder weil sie bei Eltern das kritische Hinterfragen der Rolle des Geschwisterkindes auszubremsen bzw. zu verhindern vermag (denn Fachperson X hat ja gesagt, dass wir das so machen sollen). Wenn autistische und nicht-autistische Kinder gemeinsam in einer Familie aufwachsen, dann müssen die Eltern „etwas zusammenbringen, was nicht wirklich zueinander passt“ – so sieht es zumindest eine weitere Fachperson, die sich zu diesem Thema äußerte. Die nicht-autistischen Kinder benötigen dann „Seminare, wo die Geschwister auch mal ein bisschen Spaß haben“. Was passt denn wirklich zueinander? Oder andersherum gefragt: Müssen Geschwister „zueinander passen“, um eine gute Beziehung entwickeln zu können? Passen Mädchen und Jungen zwangsläufig zueinander? Passt ein verträumtes Kind zu einem sehr sportlichen Kind? … Eine gute Geschwisterbeziehung hängt nicht davon ab, ob die Kinder „zueinander passen“, sondern ob sie die Fähigkeit entwickeln, aufeinander zuzugehen, den anderen zu respektieren und zu verstehen, und gleichzeitig die eigenen Bedürfnisse nicht aus dem Blickfeld geraten. Dieser Prozess wird maßgeblich von den Eltern initiiert und im Alltag gestaltet. Unterstützende Angebote wie die oben erwähnten Seminare für Geschwister können gute Dienste leisten, sind aber für sich allein genommen nicht ausreichend. Eine gute Geschwisterbeziehung hängt maßgeblich davon ab, ob die nicht-autistischen Kinder sich wahrgenommen fühlen, ob sie genügend Aufmerksamkeit erhalten und ob sie in schwierigen Situationen handlungsfähig sind. Handlungsfähigkeit in schwierigen Situationen bedeutet auch den Umgang mit oft stark ambivalenten Gefühlen, die sich aus der besonderen Familiensituation ergeben. *** Anregungen, wie dies gelingen kann, gebe ich in einem Seminar im Rahmen der Sommerakademie der Gefühlsmonster GmbH.
Dieser Blogartikel enthält Veranstaltungs- hinweise in eigener Sache und Links zum Kooperations- partner.