Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 21. September2020
Wie essen Hunde?
© Inez Maus 2014–2020
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Vor einigen Wochen erreichte mich die E-Mail eines Blog-Lesers, bei der in der Betreffzeile stand: „Wie wäre ein Beitrag übers Essen?“ Im Text bat er darum, dass ich etwas zu Besonderheiten oder Schwierigkeiten von Autistinnen und Autisten bei der Ernährung schreibe. Ich versprach, das Thema bei passender Gelegenheit aufzugreifen. Dass ich mich nun heute mit diesem Thema beschäftige, würde ich allerdings nicht als passende Gelegenheit bezeichnen, denn ein negatives Erlebnis hat mich hierzu getriggert. Fast zeitgleich mit der E-Mail des eben erwähnten Lesers äußerte eine Person, die an einer Fortbildung zum Thema Autismus teilnahm, Folgendes: „Autisten interessieren sich doch nur fürs Essen, sie suchen ständig danach und wenn sie dann was kriegen, dann stopfen sie es rein. Die essen wie die Hunde – die wollen doch auch ständig etwas verschlingen.“ Die Teilnehmenden waren von mir am Beginn der Veranstaltung gefragt worden, was ihnen als Erstes einfällt, wenn sie das Wort Autismus hören. Es hat etwas Zeit benötigt, bis ich diese Äußerung verdaut hatte. Natürlich habe ich sie nicht verdaut – obwohl diese Formulierung zum Thema Essen gut passen würde –, sondern ich habe sie verarbeitet, mich damit auseinandergesetzt, sodass ich jetzt darüber schreiben kann. Ich gebe zu, dass ich als hundeloser Mensch nicht detailliert über das Essverhalten – oder vielleicht doch eher das Fressverhalten(?) – von Hunden Bescheid weiß. Ich weiß aber so viel, dass die Hunde in meinem Bekanntenkreis ebenso Interesse an anderen Dingen in ihrer Umgebung einschließlich Personen zeigen. Die Person, die die oben zitierte Äußerung in einem geringschätzenden und abfälligen Tonfall tätigte, arbeitet in einer WfbM (Werkstatt für behinderte Menschen). Als Mutter eines autistischen Sohnes muss ich allerdings einschränken, dass meine Wahrnehmung des Tonfalls der Person vielleicht durch meine persönliche Situation verzerrt wurde. Oder auch nicht, denn die anderen Teilnehmenden schauten recht verunsichert. Eine emotionale Reaktion meinerseits wäre wohl kontraproduktiv gewesen und hätte die Teilnehmerin, von der der tierische Vergleich stammte, eher in ihrer Ansicht bestätigt. Stattdessen bat ich sie, eine entsprechende Situation zu beschreiben, welche ihre Aussage verdeutlichen würde. Sie beschrieb daraufhin ausführlich, wie die anstehenden Mahlzeiten im Arbeitsalltag als Regulierungsmittel eingesetzt werden. Da die Autisten keine Motivation zum Arbeiten hätten, würde es eine Mahlzeit erst nach erfüllter Arbeitsaufgabe geben. Es muss an dieser Stelle wohl nicht erwähnt werden, dass durch das Fehlen von interessanten Arbeitsaufgaben und das Erzwingen der Arbeitsleistung mittels der ansonsten drohenden Hinauszögerung der Pause und damit der Mahlzeit oben beschriebene Mechanismen in Gang gesetzt werden. Bevor ich Beispiele für befriedigende und sinngebende Arbeitsaufgaben für Autisten in der WfbM bringen konnte, ergriffen zwei Teilnehmerinnen die Gelegenheit und beschrieben ihre jeweiligen Arbeitsumfelder. Sie konnten das eingangs beschriebene, verallgemeinerte Essverhalten von Autisten nicht bestätigen. Einige Autisten wie beispielsweise mein Sohn haben Probleme mit dem Hunger- oder Sättigungsgefühl. Das führt allerdings nicht dazu, dass sie „ständig etwas verschlingen“ wollen, sondern dass sie oft rigide Regeln zur Nahrungsaufnahme befolgen, um das vorhandene Wahrnehmungsdefizit zu kompensieren – vorausgesetzt natürlich, dass Essen nicht als Belohnungsmittel eingesetzt wurde und wird. Eine Beschäftigung, die auf die eine oder andere Art Erfolgserlebnisse beschert, führt eher dazu, dass die Aufnahme von Nahrung gelegentlich vergessen wird. Ein hastiges Verzehren von Getränken oder Nahrungsmitteln ist ebenfalls nicht selten bei autistischen Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen zu beobachten. Häufigste Ursachen hierfür sind ein eingeschränktes Zeitgefühl und soziale Faktoren, wie beispielsweise der Stress, eine Mahlzeit in Gegenwart anderer Personen einzunehmen, selbst dann, wenn dies Personen sind, deren Gegenwart prinzipiell als angenehm oder wohltuend empfunden wird. An dieser Stelle möchte ich den Artikel vorerst beenden. Eine Fortsetzung, die sich dann mit einigen Besonderheiten oder Schwierigkeiten von Autisten bei der Ernährung beschäftigt, folgt in Kürze.