Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 25. Oktober 2020
Der Weiße Grieche …
© Inez Maus 2014–2020
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… liegt im Kühlregal des Supermarktes. Die Beschreibung klingt lecker, sehr lecker sogar: Er – oder wohl eher es, nämlich das Produkt – ist ein Brotaufstrich mit Feta. Trotz der kulinarischen Verlockung wird er bzw. es nicht seinen Weg in den Einkaufswagen finden. Mein letzter Blogartikel, der den Titel „Wie essen Hunde?“ trägt, bescherte mir eine Fülle an Zuschriften, die zeigen, wie alltagsbestimmend das Thema „Autismus und Ernährung“ ist. An dieser Stelle möchte ich allen Leserinnen und Lesern für ihr Feedback und ihre Anregungen herzlich danken. Die Zuschriften beschäftigen sich einerseits mit Problemen bei der Ernährung und andererseits mit erlebtem behindertenfeindlichen Verhalten in verschiedenen Kontexten. Einige Personen beschrieben mir, die ich mich als hundeloser Mensch geoutet hatte, sehr liebevoll das Fressverhalten ihrer Hunde – und nicht nur das. Probleme mit der Ernährung treten sowohl bei autistischen Kindern und Jugendlichen als auch bei Erwachsenen auf. Die häufigsten Ursachen hierfür sind Besonderheiten in der Wahrnehmung einschließlich des Hunger-, Durst- und Sättigungsgefühls, Veränderungsängste und Schwierigkeiten beim Treffen von Entscheidungen. Dies betrifft den Verzehr von Speisen und Getränken. Sollen diese vorher zubereitet werden, können Schwierigkeiten bei den exekutiven Funktionen wie Handlungsplanung, Zeitmanagement, Impulskontrolle oder das Steuern der Aufmerksamkeit hinzukommen. In der Praxis kann sich das dann folgendermaßen bemerkbar machen: Die Auswahl der Lebensmittel, die verzehrt werden, ist sehr rigide. Dies stellt allerdings nur dann ein Problem dar, wenn die Ernährung dadurch sehr ungesund ist, oder wenn die bevorzugten Speisen und Getränke schwer zu besorgen sind. Eltern sind meist gut beraten, wenn sie zu Außenterminen alle Art Proviant mitnehmen, anstatt darauf zu hoffen, etwas Genießbares am Zielort vorzufinden. Wenn die Auswahl der Lebensmittel nicht durch bestimmte Faktoren eingeschränkt ist, dann kann eine breite Vielfalt auf dem gedeckten Tisch frustrieren oder erheblichen Stress bereiten, da es schwerfällt, Entscheidungen zu treffen. Ein Leser schrieb dazu: „Ich denke, so manchem Autisten würde helfen, wenn auch beim Essen nur das auf dem Tisch stehen würde, was unmittelbar gebraucht werden würde.“ Die Komponenten des Essens dürfen auf dem Teller nicht gemischt werden. Es kann auch vorkommen, dass Lebensmittel in bestimmten Farben bevorzugt oder abgelehnt werden. Eltern schildern mir immer wieder, dass sie derartige Regeln und Routinen im Familienalltag, besonders dann, wenn mehrere Kinder zu versorgen sind, als stressig und belastend empfinden. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Kompensationshandlungen, die das autistische Kind beim Wegfall dieser Routinen ausführt (ausführen muss!), für alle Familienmitglieder weitaus anstrengender sind. Eine Einsicht in die Notwendigkeit der entsprechenden Regeln oder Routinen lässt alle entspannter werden, was aber nicht bedeutet, dass man es versäumt, bei passender Gelegenheit immer wieder zu schauen, ob diese Regeln und Routinen noch benötigt werden. Ist dies nicht der Fall, müssen sie zurückgenommen werden. Die Konsistenz der Lebensmittel kann eine wichtige Rolle bei der Ernährung spielen. Viele autistische Kinder benötigen bedeutend länger, um von der Breinahrung entwöhnt zu werden, was ihrer taktilen Wahrnehmung und den Veränderungsängsten geschuldet ist. Gelegentlich ist zu beobachten, dass Soßen, Dressings und andere Lebensmittel mit schleimiger Konsistenz Ekel bewirken. Hier sollten wohlmeinende Personen in der unmittelbaren Umgebung irgendwann (d. h. möglichst bald) lernen, dass sie den autistischen Menschen nicht permanent bedauern müssen, weil er „alles trocken herunterwürgen muss“. Die Temperatur des Essens muss nahezu konstant sein. Das bedeutet meistens, dass Essen aus dem Kühlschrank vor dem Verzehr auf Zimmertemperatur angewärmt wird und/oder dass gekochte Speisen und heiße Getränke auf Zimmertemperatur abgekühlt werden. Auch diese Besonderheiten sind nicht gesundheitsgefährdend und stellen somit höchstens ein logistisches, aber lösbares Problem dar. Bestimmte Zutaten oder Zusatzstoffe werden in kleinsten Mengen herausgeschmeckt. Handelt es sich dabei um Dinge, die nicht toleriert werden (können), kann es sich als notwendig erweisen, Teile von Mahlzeiten separat zuzubereiten. Derartige Abneigungen können sich beim Älterwerden aber auch ändern. Mein autistischer Sohn, der in seiner Kindheit rohe und gebratene Zwiebeln nicht essen konnte, isst inzwischen gern Kartoffelsalat mit der üblichen Menge an Zwiebeln. Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und ließe sich mit Sicherheit noch fortsetzen. Zum Abschluss soll noch die Frage geklärt werden, warum der Weiße Grieche nicht den Weg in den Einkaufswagen findet. Es ist der Name, der verhindert, dass das Produkt seinen Bestimmungsort erreicht. „Weißer Grieche“ als Name eines Brotaufstriches löst bei einigen autistischen Menschen aufgrund des überwiegend visuellen Denkens das Bild eines zerhäckselten Griechen in einer weißen Soße aus. Auch wenn ihnen ihre Kognition vermittelt, dass dem nicht so ist, lässt sich das spontan entstandene Bild nicht aus dem Kopf verdrängen, womit dieses Produkt zum Selbstschutz ohne Probieren von der Liste der genießbaren Lebensmittel gestrichen werden muss. Ähnlich kann es sich mit Abbildungen auf Produkten verhalten, die scheinbar keinen Bezug zum Produkt haben. Den Aspekt der Zubereitung von Speisen einschließlich der dabei entstehenden Gerüche werde ich in einem weiteren, vorerst letzten Artikel zu diesem Thema beleuchten.