Anguckallergie

Inez Maus
Blogbeitrag 29. November 2020
Rot gefärbtes Eis
© Inez Maus 2014–2021
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Vor einigen Tagen habe ich Weihnachtsstollen und Plätzchen gebacken. Seitdem freut sich Benjamin, mein autistischer Sohn darauf, diese Leckereien am ersten Advent, also heute, verzehren zu können. Das war nicht immer so. Als kleines Kind versetzten ihn unbekannte Lebensmittel in Panik – wie beispielsweise das rote Eis zum fünften Geburtstag seines älteren Bruders. Benjamin hatte zu dieser Zeit sehr spezielle Essensvorlieben und weigerte sich hartnäckig, andere Speisen zu probieren. Um Einseitigkeit, aber vor allem auch ständigen Ängsten vorzubeugen, versuchte ich, ihn zum Probieren von Speisen zu bewegen. Manchmal gelang mir das sogar und so kostete er mit fast drei Jahren zum ersten Mal ein Eis, da ich mir sicher war, dass es ihm schmecken würde, und da ich glaubte, die rote Farbe des Erdbeereises würde ihm gefallen. Weil er noch nicht verbal kommunizieren konnte und noch keine Autismus-Diagnose hatte, musste ich mich von meinen Gefühlen und Vorstellungen leiten lassen. Bei den wenigen Dingen, die Benjamin freiwillig aß, zeigte er die Vorliebe, alle vorhandenen Stücke gleichmäßig anzuknabbern. Wenn ein Teller gewaschener Äpfel auf den Abendbrottisch gestellt wurde, hatte er bereits aus allen ein nahezu gleich großes Stück herausgebissen, bevor der Tisch fertig gedeckt worden war. Später fand ich eine Erklärung für dieses Verhalten: Vor dem Essen sahen die Äpfel annähernd gleich aus. Durch das Anbeißen eines Apfels wurde dieses Gleichaussehen zerstört, also stellte er mit dem Anbeißen aller Objekte ein neues Gleichsein her, was ihm eine Art inneren Frieden verschaffte. Vieles ist im Laufe der Jahre einfacher geworden. Zum einen ist Benjamin im Rahmen seiner Möglichkeiten experimentierfreudiger geworden, zum anderen kann er uns inzwischen sehr gut seine Vorlieben, Probleme, Empfindungen … mitteilen. So haben wir erfahren, dass es keine Möglichkeit gibt, seine Geburtstagtorte geheim zu halten, denn beim Aufreißen der Verpackung des Tortenbodens öffnet er seine Zimmertür, stürmt aus seinem zehn Meter entfernten Zimmer in die Küche und ruft aus: „Hm, es riecht nach Torte!“ Nicht alle Gerüche rufen Vorfreude hervor oder werden als angenehm empfunden. Der Geruch des Mittagessens in der Schule führte bei Benjamin permanent zu Übelkeit und daraus resultierte ein jahrelanger Kampf mit und gegen die entsprechende Schule – ein Erlebnis, welches mir viele Eltern inzwischen in ähnlicher Weise geschildert haben. Wahrnehmungsbesonderheiten beziehen sich beim Thema Essen nicht nur auf den Geruch. Eine Autistin berichtete mir beispielsweise, dass sie wahrnimmt, wenn Zutaten von Lebensmitteln minimal variiert werden oder wenn ein Produkt in verschiedenen Werken/Regionen hergestellt wurde. Manches Mal schmeckt ihr das eine, wogegen sie das andere als ungenießbar einstuft. Ihr Freund bemerkt beim Verkosten der entsprechenden Produkte nie einen Unterschied. Schwierigkeiten bei der Ernährung können für jugendliche und erwachsene Autistinnen und Autisten aber bereits vor der eigentlichen Mahlzeit beginnen: Sensorische Belastungen beim Einkaufen erschweren mitunter das Leben ebenso wie ungenaue Angaben in Rezepten oder fehlende Detailinformationen. Wie viel Gramm sind denn „eine Prise Salz“ oder was muss ich tun, wenn das Rezept „nach Bedarf würzen“ verlangt? Was wird von mir verlangt, wenn ich laut Rezept „blanchieren“, „abseihen“, „anschwitzen“ … soll? Eine eigene kleine Rezeptsammlung anzulegen, hat für Autistinnen und Autisten viele Vorteile, weil sie u. a. Folgendes erfüllt*: Sie motiviert zum Kochen, Backen oder Zubereiten, weil sie nur Speisen enthält, die gern gegessen werden. Sie enthält keine ungenauen Anweisungen und ausschließlich messbare Mengenangaben. Sie erklärt alle Arbeitsschritte so detailliert wie nötig. Sie verwendet in den Rezepten keine Inhaltsstoffe oder Lebensmittel, die nicht vertragen oder aus sensorischen Gründen abgelehnt werden. Sie nennt ein zu dem entsprechenden Gericht passendes Getränk. Mein Stollenrezept, welches seit Generationen in der Familie meiner Mutter weitergegeben wurde, enthält eine Fülle an ungenauen Angaben: Neben der klassischen „Prise Salz“ finden sich dort Angaben wie „knapp“, „gut“, „einige“ und „für 10 Pf. Hefe“. Das ist zurzeit kein Problem, denn Benjamin bäckt zwar Kuchen und Kekse, hat aber vorerst nicht vor, Stollen zu backen. Hier begnügt er sich mit dem Verzehren. Ich wünsche allen meinen Leserinnen und Lesern einen sorgenarmen, gemütlichen ersten Advent mit Stollen und Keksen. *Maus, I. (2020). Kompetenzmanual Autismus. (KOMMA) – Praxisleitfaden für den Bildungs-, Wohn- und Arbeitsbereich. Stuttgart: Kohlhammer, S. 87. Links zu weiteren Artikeln, die sich mit einigen Besonderheiten oder Schwierigkeiten von autistischen Menschen bei der Ernährung beschäftigen, finden Sie hier. Zum Weiterlesen: Wie essen Hunde? Der weiße Grieche …